“Problemclickern”

Wenn ich morgens beim Frühstück das Internet aufschlage, stolpere ich immer wieder über Aussagen, wie diese:

“Mit dem Clicker kann man keine negativen Emotionen verstärken!”

Meist geht es dabei um das Clickertraining in sogenannten Problemsituationen, wenn der Hund Angst hat, aggressives Verhalten zeigt, oder durch unheimliche Situationen gebracht werden soll. Der Clicker wird hier oft als Therapeutikum eingesetzt und die Nebenwirkungen seien, so wird geschrieben, unproblematisch. Es könne nur besser werden, durch die Konditionierung mit Angenehmen gerate der Hund in eine positive Grundstimmung, ausgelöst durch die Ausschüttung bestimmter Hormone wie Serotonin beispielsweise.

“Click for Blick”, “Gucken”, “Zeigen und Benennen”, es wird geclickert auf Teufel komm raus. Kann ja nichts schief gehen, so liest man dann.

Meine Erfahrung ist da eine etwas andere: Zwar ist der Clicker zunächst mal – wenn bei der Konditionierung des Clickers alles richtig gemacht wurde – positiv besetzt, die Aussagen zur Serotoninausschüttung sind zunächst mal korrekt.

Nun kommt das “aber”…

Wenn der Clicker häufig in Bereichen eingesetzt wird, die für den Hund “problematisch” sind, findet aber auch eine Verknüpfung statt und der Clicker wird zum Stellvertreter eben dieser Situation. Auch hier muß man den Clicker im gesamten Kontext betrachten, als ein Element, daß immer dann auftritt, wenn beispielsweise der verhasste Nachbarsrüde in das Blickfeld kommt oder der ängstigende Zug über’s Gleisbett donnert.
Die eigentliche “positive” Änderung der Emotionen wird aufgehoben oder kann nicht mehr stattfinden, weil der Hund den Clicker eben nicht nur als Quell der Freude erlebt, sondern als einen von vielen Begleitumständen in einer ganz bestimmten Situation.

Je konstanter und regelmäßiger diese Begleitumstände präsent sind, desto schwieriger wird es auch, eine Veränderung zu bewirken. Zwar nehmen viele Hunde auch dann noch das Leckerchen an und der Trainer vermutet eine Änderung der Grundstimmung, aber in Wirklichkeit festigt sich das problematische Verhalten eher, als sich aufzulösen.
Hinzu kommt, daß wir als Trainer die Emotionen des Hundes gar nicht in “gut” und “schlecht” einteilen können, dazu ist die Erlebniswelt des Hundes viel zu komplex und die neurobiologischen Vorgänge viel zu umfangreich um hier einfache Schlüsse wie “negativ plus positiv ergibt weniger negativ” zu ziehen.

Ein Hund in einer aggressiven Grundstimmung kann diese durchaus als “angenehm” empfinden! Hier kann der Clicker noch eins drauf setzen, dessen sollte man sich bewusst sein.

Dann kann das “Zeigen und Benennen” der Katze des Nachbarn dem Hund so richtig Lust zu machen, das arme Tierchen bei nächster Gelegenheit zu zerfleddern und man kommt im Grunde keinen Schritt weiter bei der “Therapie”.
Dies sollte man erkennen. Wenn das Clickertraining in solchen “Problemsituationen” nicht relativ schnell eine deutliche Verhaltensänderung bewirkt, dann ist es hier nicht geeignet und auch wochen- und monatelanges “Zeigen und Benennen” sind im wahrsten Sinne des Wortes “für die Katz”.

Das einzige, was einem übrig bleibt: Pause machen, Situation analysieren, den Hund und sein Verhalten im gesamten Kontext betrachten. Was bestärkt ihn in seinem Verhalten, wo haben sich bestimmte Verhaltensstrukturen eingeschliffen, wäre vielleicht eine aktive Unterbrechung hilfreich, welches Feedback gebe ich ihm, wie “führe” ich ihn in solchen Situationen und orientiert er sich überhaupt an mir, so daß ich im eine hilfreiche Begleitung anbieten kann? Es ist nicht so wie beim Mischen von Wasserfarben, wo blau und gelb ein schönes grün ergibt. Es kann auch ein ziemlich schmutziges dunkelgrau draus werden.

Ein weiteres Problem das oft Auftritt ist das Entstehen von Verhaltensketten. Martin Pietralla nannte das in seinem Buch Clickertraining für Hunde die “Falsch-Falle”. Das passiert schnell dann, wenn der Hund sich zunächst “falsch” verhält, sich danach aber korrigiert (oder von uns aktiv oder passiv korrigiert wird) und danach bestätigt wird. Ein Umlernen kann hier gar nicht stattfinden, weil das zunächst falsche Verhalten weiterhin bestärkt wird. Der Hund wird auch weiterhin die Katze auf den Baum jagen, auch wenn er sich anschließend abrufen lässt und dafür bestärkt wird.
Zwar steht dann oft geschrieben, daß sich diese Verhaltenskette leichter auflösen lässt, weil sich der Hund sich längerfristig betrachtet eher zum Ende der Verhaltenskette hin orientiert, sprich also die Bestärkung am Ende höherwertiger findet, die Katze weniger intensiv jagt und sich schneller abrufen lässt. Ich halte das aber für ziemlich theoretische Überlegungen. Es KANN so eintreten, es kann aber genau so gut alles beim alten bleiben und das “Problemverhalten” wird in Beton eingegossen.

Hier gilt das gleiche wie oben. Wenn die Verhaltensänderung nicht relativ schnell sichtbar wird, stimmt was grundlegendes nicht. Pause machen, Training unterbrechen, Situation analysieren und entsprechend handeln.

Clickertraining ist eine feine Sache und ermöglicht einiges. Das klappt aber nur dann, wenn man das “große Ganze” im Auge behält, den Hund als Individuum ernst nimmt und seine eigene Rolle, seine “Trainerrolle” aber auch die eines “führenden und begleitenden Lebenspartners” in diese Überlegungen mit einbezieht. Auch das Clickertraining bietet keine “Lösung auf Knopfdruck”, wir trainieren keinen Orca im Schwimmbecken sondern einen sozialen Beutegreifer in seinem direkten, natürlichem Lebensraum.

Knuddelt eure Hunde!