Leinenführigkeit – Seite 1

LEINENFÜHRIGKEIT

Du stehst mit deinem Hund an der losen Leine, ohne umherzugehen. Dein Hund lässt die Leine eine Minute lang locker, trotz einer Ablenkung in dieser Zeit. Du darfst mit ihm reden, aber kein Schau-mich-an, Sitz, Platz, Steh, Bleib oder Fuß verlangen. Das Ziel ist es, dass der Hund die Leine von sich aus locker lässt.

DARUM GEHT’S:
Oh, die so schwer zu erlangende lose Leine! Das ist möglicherweise für euch beide das schwerste Verhalten, das ihr zusammen lernen werdet. Leinenführigkeit ist definitiv ein Zen-als-Lebensstil-Verhalten. Stecke etwas extra Zeit und Mühe hinein, wenn du deinen Welpen ausbildest und du wirst vielleicht nie wieder daran denken müssen. Stell dir vor, du gehst zum Agility-Ring, beladen mit Stuhl, Sonnenschirm, Kühlbox, Hundenäpfen und einer klappbaren Hundebox. Und während alle anderen entweder zwei Mal gehen müssen oder herumgezerrt werden, geht dein Hund tadellos an der losen Leine.
Ich glaube, dass die Leute, die zu Seminaren gehen, so ziemlich das Sahnehäubchen der Hundehalter sind: Menschen, die mehr lernen wollen und dafür keine Mühen scheuen. Und das Verhalten, das sie immer am meisten interessiert, ist Leinenführigkeit.

Gibt es einen Unterschied zwischen Leinenführigkeit und “Bei Fuß”? Oh ja, einen beträchtlichen Unterschied. “Bei Fuß” ist ein Turnierverhalten, bei dem der Hund perfekt ausgerichtet und gerade neben dir läuft, wobei er entweder Blickkontakt hält oder gerade nach vorne blickt (das hängt von deinen Kriterien ab), sich sofort gerade hinsetzt, wenn du stehenbleibst und an nichts anderes denkt als “Bei Fuss”. Wunderschön anzusehen, gewiss, aber definitiv kein Verhalten, dass du brauchst, wenn du mehrere schwere Einkaufstüten vom Auto zum Haus schleppst. Kein Verhalten für euren abendlichen 3-km-Spaziergang. “Bei Fuß” ist wirklich harte Arbeit für deinen Hund. Du kannst es mit einem Formationsmarsch vergleichen, bei dem du ständig auf deine Position in der Gruppe achten musst. Leinenführigkeit hingegen ist wie ein Spaziergang mit einem guten Freund, bei dem ihr Händchen haltet. Ihr bleibt beisammen und du weißt, dass er da ist, aber du musst nicht jede Sekunde auf ihn achten. Du kannst den Himmel betrachten, andere Leute ansehen, jemandem zuwinken und in die Schaufenster gucken, während du vorbeispazierst. Leinenführigkeit ist ein Verhalten und zugleich eine Lebensweise. Der Hund wird die Leine ohne irgendwelchen Befehle oder Kommandos locker lassen, weil das Leben nun mal so funktioniert. Und weil er das verstanden hat, fällt es ihm leicht, an einer losen Leine mit dir zu laufen. Sein Leben wird schöner, weil Hunde, die mit ihrem Menschen spazierengehen, einfach an viel mehr interessante Orte gelangen, als Hunde, die ihre Menschen spazierenschleifen!

Hier steht Banner w200-leftALLER ANFANG IST LEICHT:
Ich habe zwei Neuigkeiten für dich, eine gute und eine schlechte. Die gute ist: Leinenführigkeit ist ungeheuer leicht zu trainieren. Die schlechte ist: Leinenführigkeit ist ungeheuer schwer zu trainieren, weil du wirklich ununterbrochen darauf achten musst, wenn dein Hund an der Leine ist. Oje.

Wenn du einen Welpen hast, der noch nichts über Leinen weiß, fang ganz langsam an. Leg ihm das Halsband an und clicke, wenn er es sich gefallen lässt. Spiel ein wenig mit deinem Welpen, um ihn von dem Halsband abzulenken. Wenn er sich damit wohlfühlt, häng eine kurze Leine dran und lass sie ihn hinter sich herziehen. Clicke ihn wieder, wenn er sich gut benimmt. Damit er vergisst, dass er eine Schlange mit sich rumzieht, lenk ihn ein wenig ab – oh, lass mich nachdenken – wie wäre es mit Abendessen? Wenn er sich daran gewöhnt hat, setz dich hin und übe minimalen Druck mit der Leine aus. Nicht genug, um ihn zu erschrecken oder einen Gegenhaltereflex auszulösen, nur so viel, dass er merkt, dass die Leine da ist. Und dann ruf ihn, mach interessante Geräusche, zeig ihm ein Spielzeug, egal was, damit er lernt, dass er diesen Druck auflösen kann, wenn er ihm nachgibt und zu dir kommt. Denke daran, dass dies eigentlich gegen den Instinkt deines Hundes ist – alle Säugetiere wissen, dass man bei Druck gegenhalten muss, damit der Druck aufhört. Wenn nun die Leine Druck am Hals oder am Körper ausübt, ist die normale Reaktion das noch stärkere Dagegenziehen. Du musst also deinem Hund erklären, dass seine instinktive Reaktion hier verkehrt ist.

Wenn der Hund sich erst einmal mit der Leine wohlfühlt, wird er anfangen zu ziehen. Nun laufen wir geradewegs in die nächste Standpunktproblematik.
Du denkst: “Er wird mich nicht dazu bringen, schneller zu gehen, als ich möchte! Wir gehen genau so schnell wie ich will!”.
Er denkt: “Boah, ist mein Mensch langsam, ich muss mich wirklich reinhängen, damit wir überhaupt vorwärts kommen!”
Genau das ist der Schlüssel zur Lösung. Willst du ihm beibringen, dass er ziehen muss, um irgendwohin zu kommen? Oder willst du ihm zeigen, dass Ziehen ihn nirgendwohin bringt und dass der einzige Weg, dahin zu kommen, wo er hin will, der ist, dass er dich an der losen Leine führt?

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