Ich will ein Rudelführer sein!

Wer dieser Tage in Hundesachen durch’s Internet blättert ist vielleicht auf eine Plakataktion des “Internationalen Berufsverbandes der Hundetrainer (IBH)” gestoßen.

Ich muss kein Rudelführer sein!

verkünden dort die Mitglieder dieses Verbandes mit jeweils einem Foto von sich selbst (mit Hund, oder auch ohne).

Was auf den ersten Blick aussieht, wie ein Fahndungsplakat aus RAF-Zeiten, soll wohl – nach den allerneuesten, wissenschaftlichen Erkenntnissen, versteht sich – ein Versuch sein, sich von jedwedem “Rudelgedöhns und Dominanzblabla” zu distanzieren. Zuallererst natürlich von Cesar Millan, dem mexikanischen Macho und Centimeterman, dem bekennenden “Pack Leader”, welchem die Anhänger ja mittlerweile scharenweise hinterher laufen. Aber auch gleich von Michael Grewe, Günther Bloch, Hans Schlegel, Erik Zimen, Eberhard Trumler, Konrad Lorenz, Helmut Wachtel, Udo Ganßloser. Nadine Matthews und Anita Balser sowieso. Achja, von Thomas Baumann auch. Und vom Rütter natürlich! Hab ich jemand vergessen? Bestimmt.

Kurz, man distanziert sich von jedem, der die bösen Worte verwendet. Und böse Worte* gibt’s genug: Rudelführer, Dominanz, Gehorsam, Unterordnung, Rangordnung, Hierarchie, Hundeführer, Befehl, Kommando, Privilegien. Man distanziert sich auch gleich von denen, die jemanden in ihrer Facebook Freundesliste haben, der solche Worte verwendet. Und von dem, der auf eine Webseite verlinkt, auf der solche bösen Worte geschrieben stehen oder dem, der sonstwie verdächtig erscheint. Schutzhundler z.B. Auch böse!

Damit die Welt also die frohe Botschaft zur Kenntnis nimmt, hat man sich beim IBH diese hübsche Plakataktion ausgedacht und wie nicht anders erwartet, plappern die Mitglieder munter diesen Slogan nach, senden ihre Fotos ein und tapezieren damit ihre Webseiten. Wer sich wundert, weshalb sich ein “Berufsverband” auf so eine dümmliche und populistische Aktion überhaupt einlässt, dem sei gesagt, daß es viele Berufsverbände für Hundetrainer gibt. Praktisch für jede Philosophie einen eigenen. Man nehme eine Handvoll Gleichgesinnte und gründe einen Berufsverband. So einfach ist das. Ich werde wohl demnächst den Berufsverband der unabhängigen Clickertrainer gründen. Kann ja wohl nicht angehen, daß es dafür noch keinen gibt!

Allzu viel seriöse Arbeit und vernünftige Reflektion der Aussagen der eigenen Mitglieder erwarte ich von diesen Berufsverbänden also ohnehin nicht mehr und irgendwie erinnert mich das ganze an eine Aktion vor ca. 5 Jahren, als plötzlich alle Mitglieder eines Hundeforums den Slogan “I am proud to be a Clicker Taliban!” auf ihr Profil bappten. Bis ihnen damals ein sehr geschätzer Freund und Clickerpionier mal steckte, was für einen Schwachsinn sie da gerade von sich geben und wofür der Begriff “Taliban” eigentlich steht. Er flog darauf hin aus diesem Forum und ich gleich mit. Ganz gewaltfrei versteht sich.

Aber zurück zum Rudelführer, zum Dominanzblabla und Rangordnungsgedöhns:

Derzeit wird uns verkündet, daß laut neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nichts, aber auch gar nichts dran ist, an diesen verstaubten Thesen. Fragt man etwas genauer nach, wird man entweder mit Links zu Webseiten anderer zugeschüttet, die es zwar auch nur gehört haben, aber der selben Meinung sind. Oder aber man wird auf David Mech verwiesen. David Mech ist Verhaltensforscher und hat Wölfe in freier Wildbahn beobachtet. Dabei ist er zu dem Schluß gekommen, daß Wölfe keine strenge, statische Hierarchie innerhalb ihres Rudels bilden, sondern einen Familienverband, innerhalb dessen die Rollen wechseln können. Auch je nach Kompetenz des jeweiligen Tieres gibt es also keinen absoluten “Alpha-Wolf”. Das war die Aussage. Kurz gefasst. David Mech hat aber nie gesagt, daß es innerhalb eines Wolfsrudels nicht zu Dominanzverhalten- und beziehungen kommt, daß es überhaupt keine Rangordnung gibt, daß es keine führende Tiere gibt… Das alles wurde ihm so ganz nebenbei in den Mund gelegt und hat nicht mehr viel mit seiner Arbeit zu tun.
Auch Günther Bloch, der bei seinen Wolfsbeobachtungen zunächst von einer statischen Hierarchie ausging, hat seine Aussagen diesbezüglich später relativiert. Relativiert, wohl gemerkt! Und nicht etwa, wie eine besonders engagierte Anhängerin der rein positiven Fraktion neulich verkündete: “Bloch hat alles widerrufen!!!!!!!” Nein, hat er nicht, gnädige Frau.

Macht nichts, das Schiff ist abgefahren und zurück bleiben all die ewig Gestrigen, die Verstaubten, die Hardliner, die Nichtswisser, Despoten, Blechnapfschüssler und Hundequäler. Wie Erik Zimen zum Beispiel oder Eberhard Trumler. Gott sei dank müssen Sie ihren fatalen Irrtum nicht mehr erleben und ihre Bücher dem Feuer übergeben.

Auch ich fühle mich schon ganz schlecht. Denn ich will ein Rudelführer sein.

Wohlwissend, daß ich nicht der Spezies Hund angehöre und somit gar kein Rudel mit meinen Hunden bilden kann, erlaube ich mir doch, den Begriff “Rudelführer” als Synonym zu verwenden. Als Synonym für eine ruhige und souveräne Mensch-Hund Beziehung. Als Synonym für eine führende und leitende Rolle innerhalb unserer Lebensgemeinschaft in der ich mich gewiss auch dominierend und durchsetzend zeige, genauso wie ich meinen Hunden die Möglichkeit gebe ihre jeweiligen, eigenen Erfahrungen zu sammeln und ihr Leben zu leben. Auch ich “ordne” meine Hunde “unter”, ich erhebe einen “Führungsanspruch” und erwarte “Gehorsam”.
Ich erlaube mir auch, mich möglichst vorurteilsfrei und objektiv in alle Richtungen zu orientieren, Fachwissen und Fachverstand anzuerkennen, auch wenn seit Erscheinen schon ein paar Jährchen vergangen sind und mir selbst das anzueignen, was mir wichtig erscheint. Möglichst ideologie- und methodenfrei, Google ist dabei mein bester Freund.

Ja, so ein schlimmer Finger bin ich und ich schäme mich nicht mal dafür.
Denn meiner Erfahrung nach brauchen Hunde eine kompetente Führung. Das nimmt ihnen Stress, das nimmt ihnen Unsicherheit und Ängste, das schafft Sicherheit, Vertrauen und eine tiefe, auf Liebe und Zuneigung basierende Beziehung. Fehlt diese Struktur, leiden meine Hunde. Nicht nur meine, alle Hunde. So meine Beobachtung.

In diesem Sinne will ich ein Rudelführer sein und kann euch nur raten:

Seid Rudelführer eurer Hunde!

Und bewahrt euch eure Skepsis gegenüber irgendwelchen Methoden, Philosophen, Heilsbringern und Wahrheitsverkündern.

Knuddelt eure Hunde!

*Nachtrag:
Liste der bösen Worte ergänzt um: Trieb, Hausstandsregeln