Hund auf’s Herz!

Für besonders interessierte Besucher unserer Web-Seite folgt hier die Übersetzung einer Artikelserie (zwei Artikel und ein Nachwort), die ich für die norwegische Hundezeitschrift “Hundesport” geschrieben habe, und die im Herbst 1998 dort veröffentlicht wurden. Es geht darum, dass man auch als “weicher” Hundeführer Fehler machen kann, die schlimme Folgen haben. Ich mache darauf aufmerksam, dass Hunde der Rasse “Flatcoated Retriever” – besonders Hündinnen – oft sehr feinfühlig sind.


Hund auf’s Herz!

Teil 1

Wir sind beim Agilitytraining, im Herbst 1993. Mein Flatcoated Retriever Mica macht ihre Sache für einen Anfänger sehr gut. “Prima – weiter so!” ruft der Trainer uns zu, nachdem Mica fehlerfrei den Slalom passiert hat. Wir laufen weiter in Richtung auf das nächste Hindernis. Ich kommandiere “Hopp!”, und wie der Blitz ist sie auf dem Tisch.

Aber dann, völlig unerwartet, passiert es: Ich kommandiere “Dekk” (norweg. “leg dich nieder”), ohne dass sie das Kommando ausführt. Ich wiederhole meinen Befehl mehrmals mit steigendem Nachdruck, aber sie sieht an mir vorbei und schaut in der Gegend herum, als ob ich Luft für sie wäre. Ratlos sehe ich den Trainer an.

“Du weisst ja, dass sie liegen kann. Das hat sie hundert Male gemacht. Sie will bloss nicht. Zwing sie nieder!” ruft er mir zu.

Irgendetwas sträubt sich in mir, aber ich nehme sie mit festem Griff beim Nacken, um sie auf dem Tisch in Liegestellung zu drücken. Sie stemmt dagegen an, aber ich bin stärker. Da liegt sie!

Der Trainer klopft mir auf die Schulter. “Na also!” sagt er. Er wendet sich den anderen Teilnehmern zu und sagt: “Wir dürfen es nie zulassen, dass ein Hund die Ausführung eines Befehls verweigert!”

Hier steht Banner w200-leftVon diesem Tag an legte sich Mica nie mehr selbst auf Kommando hin. Ich musste sie jedesmal niederdrücken. Man soll ja konsequent mit Hunden sein, und Geduld haben. Aber das einzige Ergebnis war, dass sie auch bei anderen Hindernissen immer unwilliger wurde. Nach einem halben Jahr mit Zwang, war sie für das Meiste nicht mehr zu gebrauchen, und an eine Teilnahme an Wettbewerben war überhaupt nicht mehr zu denken.

Ich bin dem Trainer nie böse gewesen. Als Hundeführer habe ich selbst die Verantwortung für meinen Hund. Aber nun war ich völlig verwirrt…

Ich benutzte professionelle Hilfe für mich und Mica bei der “Hundeschule Fjellanger”. Herr Fjellanger machte mir zu Beginn klar, dass ich die Sprache der Hunde lernen müsste. Er zeigte mir, dass Mica aggressions-dämpfende Signale gab, wenn wir uns dem Agility-Tisch näherten, und dass sie voller Angst war, wenn sie auf dem Tisch stand: Sie verlagerte ihr Gewicht nach hinten, legte ihre Ohren zurück, schaute zur Seite, ihre Augen wurden schmal und sie leckte sich rasch ums Maul. “In einem solchen Zustand ist sie nicht in der Lage, Kommandos aufzufassen, geschweige denn auszuführen.” sagte Herr Fjellanger, “sie verschliesst sich völlig vor dir, du erreichst sie nicht – sie hat Angst vor dir!”

“Angst??? Aber ich habe ihr doch niemals wehgetan!”

“Doch, genau das hast du gemacht. Sie hat es jedenfalls so aufgefasst – und nur darauf kommt es an!”

Viele Probleme im Umgang mit unserem Hund entstehen ganz einfach, weil wir einander völlig missverstehen. Wir sprechen verschiedene Sprachen!

Für Menschen ist zum Beispiel die geballte Faust eine kräftige Drohung. Für unseren Hund ist dagegen unsere Körperhaltung und Tonfall das Wichtigste, die geballte Faust hat wenig zu sagen. Wenn man sich aber über einen Hund beugt und ihm in die Augen sieht, kann das bei ihm Angst auslösen.

Wenn er dann in andere Richtungen sieht und uninteressiert an unseren Kommandos wirkt, fassen wir das oft als eine Frechheit oder gar Provokation auf. In Wirklichkeit will der Hund uns beruhigen und seine friedlichen Absichten anzeigen. Seine Bereitschaft, mit einer Übung fortzusetzen, ist dann gleich Null. In einer solchen Lage dürfen wir nie Zwang ausüben. Das kann dazu führen, dass der Hund sich noch unsicherer fühlt, und im schlimmsten Fall geht es dann so, wie mit Mica.

Unsere Körperhaltung bei der Übung “Leg dich hin” wirkt oft automatisch drohend auf unseren Hund. Da nützt es gar nichts, dass wir die besten Absichten haben. Deshalb bekommen viele Leute Schwierigkeiten mit genau dieser Übung.

Ein ähnliches Missverständnis kann entstehen, wenn wir es dem Hund beibringen wollen, artig an der Leine zu gehen, er jedoch zu Schnüffeln beginnt.

Schnüffeln am Boden ist oft ein Signal des Hundes, dass er uns beruhigen will. Es ist keineswegs so, dass der Hund immer nur schnüffelt, um irgendetwas aufzuspüren. “Zufälliges” und “zielloses” Schnüffeln ist ein typisches Verhalten, das Unterwerfung anzeigen soll.

Wenn wir dann schimpfen, an der Leine rücken und wütend werden, wird der Hund meistens noch mehr schnüffeln. Er will uns noch deutlicher zeigen, dass er nur friedliche Absichten hat. Ein normal entwickelter Hund beherrscht seine Sprache – wir sind die Analphabeten!! Der Hund kann überhaupt nicht verstehen, dass wir völlig anders auf seine Signale eagieren, als was für ihn natürlich ist. Seine Sprache ist aufrichtig, eindeutig und viele tausend Jahre alt. Sie hat bei seinen Artgenossen immer gewirkt. Aus diesen Gründen kann eine solche Situation zu einer Vertrauenskrise führen, die WIR verursacht haben.

Das so oft zitierte Vertrauen des Hundes sollten wir nicht überschätzen. Wir alle, die unseren Hund lieben, machen häufig den Fehler, dass wir sein Vertrauen zu uns als eine Selbstverständlichkeit voraussetzen.

Oft “personifizieren” wir unseren Hund und beurteilen ihn nach menschlichen Gesichtspunkten. Mikkie Gustavson, ein schwedischer Hundepsychologe, sagt:
“Es ist ein grosser Fehler, einem Hund menschliche Eigenschaften zu unterstellen.”

Wir Menschen haben unsere eigenen Vorstellungen darüber, was Vertrauen bedeutet. Unser Vertrauen zu Verwandten und Freunden beruht darauf, dass wir sie grundsätzlich eingeschätzt haben. Wir vertrauen ihnen, selbst wenn sie Dinge tun, die wir nicht verstehen. Sie brauchen nicht laufend ihr Verhalten zu erklären. Solche Gefühle hat der Hund nicht. In einem Rudel mit Hunden werden ununterbrochen Signale ausgetauscht, mit denen man sich erzählt, was man empfindet. Hunde brauchen das, um sich sicher zu fühlen und miteinander auskommen zu können. Sie können nicht auf Grund von Erfahrung zu dem Schluss kommen, dass das Gegenüber fortlaufend freundlich und harmlos sein wird. Die Stimmung in einem Rudel kann sich schnell ändern, und wer gestern ein Freund war, kann plötzlich zu einem Rivalen werden. Deshalb sind Hunde ständig darauf aus, ihr soziales Verhältnis untereinander auszuloten.

Menschen sind es nicht gewohnt, sich ständig ihre Zuneigung und friedliche Absichten zu versichern. Wir setzen voraus, dass unsere Freunde uns vertrauen. Es fällt uns deshalb nicht ein, dass unser Hund augenblicklich in Alarmbereitschaft gerät, wenn wir – meist ohne es zu wissen – ein “falsches” Signal geben. Aus diesem Grunde kann unsere Liebe zum Hund und unsere idealistische Vorstellung über sein Wesen dazu führen, dass wir ihn ungerecht behandeln. Ein warmes und richtiges Verhältnis zu unserem Vierbeiner können wir nur erreichen, wenn wir respektieren, was er ist: ein Hund !

Er kann es überhaupt nicht verstehen, dass wir manchmal der Meinung sind, dass er eine Strafe “verdient”. Wer seinen Hund bestraft, zeigt damit nur sein eigenes Unvermögen. Strafe führt nie dazu, dass der Hund etwas “einsieht”. Sie löst nur Angst aus. Zwar kann man durch Strafe erreichen, dass der Hund ein unerwünschtes Verhalten ablegt (so lange wir in der Nähe sind !).

[IMGr]images/eigene/magazin/hundaufsherz/herz5.jpg[/IMGr]Dann muss die Strafe aber wirklich hart sein! Mit harter Bestrafung gehst du das Risiko ein, dass dein Hund aggressiv wird, droht oder sogar beisst. Du hast es dann nicht besser verdient!

Abgesehen vom Jagdinstinkt des Hundes, der dazu führen kann, dass er ein Opfer tötet, ist der Grund dafür, dass er angreift, fast immer Angst. Es gibt leider Hundebesitzer, die Hunden ein aggressives Verhalten beibringen wollen. Ihr Ziel erreichen sie am besten, wenn sie ihrem Hund “das Fürchten lernen”.

Das Leben der Hunde, die sich in unserer Welt zurechtfinden müssen, ist kompliziert genug. Sie müssen sich anpassen und vieles ertragen, was ihrer Natur überhaupt nicht entspricht. Sei deshalb lieber “zu gut” zu ihnen als zu streng. Es gibt viele positive Wege, aus unseren Hunden Wesen zu machen, die zusammen mit uns ohne grosse Probleme leben können.

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Teil 2

In diesem Artikel will ich wichtige Einzelheiten beschreiben, die dazu beitragen können, dass man Probleme umgeht und wie man sie löst, wenn sie dennoch entstanden sind. Dass ich dabei Mica und Agility als Beispiel benutze, sollte den Leser nicht daran hindern, meine Gedanken auf seine eigenen Aktivitäten mit Hunden zu übertragen. Denk aber daran, dass meine Lösungsvorschläge nicht unbedingt für alle Hunde geeignet sind, selbst wenn sie für meinen Hund zu vollem Erfolg führten.

Ich meine, dass die Einstellung des Hundeführers beim Training sehr wichtig ist. Mica’s gute Resultate als Anfänger führten dazu, dass ich von Erfolgen bei Wettbewerben träumte. Ich sah die Möglichkeit, anderen imponieren zu können, und hohes Ansehen bei den Agility-Sportlern unseres Landes zu erzielen (Mike der Grosse)! Deshalb war ich sehr enttäuscht darüber, dass mein Hund plötzlich und unerwartet nicht einmal eine so einfache Aufgabe lösen konnte, wie sich hinzulegen. Wenn das Bedürfnis nach eigener Bestätigung zum Wichtigsten wird, verlieren wir leicht den Blick dafür, was richtig und zweckmässig ist.

Aber als mir Herr Fjellanger sagte, dass ich meinem Hund Leid zugeführt hatte, wurde mir klar, dass ich überhaupt nicht dafür qualifiziert war, ein Geschöpf wie Mica anzuleiten. Ich bekam ein sehr schlechtes Gewissen und fühlte mich wie ein Verräter. Mein grösster Wunsch war nun, Mica das Gefühl zu geben, dass sie meine volle Anerkennung und Zuneigung hatte. Ich verschlang Bücher über Sprache und Psychologie des Hundes und besuchte Lehrgänge bei den besten skandinavischen Hundeexperten. Ich wurde sehr aufmerksam und begrüsste mit Freude und Dankbarkeit selbst die kleinsten Fortschritte beim Training – die ich vorher nicht einmal hätte erkennen können. Ich ärgerte mich nicht länger über, sondern übersah die Fehler, die Mica machte. Dagegen gab ich ihr reichlich Lob und Belohnungen für alles, was zu einem Schritt in die gewünschte Richtung führte. Ich bin überzeugt davon, dass meine Anerkennung diesen Hund bestärkte und wesentlich dazu beitrug, dass sie wieder ein positives Selbstbild aufbaute.

Herr Fjellanger brachte mir bei, anders zu denken:

Wir müssen erkennen und reagieren, wenn immer der Hund etwas “Grosses” macht. Was “gross” ist, hängt von unserem Hund ab – nicht von unseren Erwartungen ! Ein Hund, der die Gewohnheit hat, dauernd zu anderen Hunden zu springen, macht etwas “Grosses”, wenn er zu uns zurück kehrt.

Sobald er sich in unsere Richtung wendet, sollten wir jubeln und ihn aufmuntern – und wenn er bei uns ankommt, sollte er ein herzliches Willkommen empfangen, mit einer Faust voll Leckerchen und allen möglichen anderen Belohnungen. Auf diese Weise erfährt der Hund, dass es spannend und lustig bei uns ist. Alle Geschöpfe dieser Erde streben danach, es spannend und lustig zu haben !

Wir müssen alles daran setzen, um zu vermeiden, dass der Hund den Kontakt zu uns als negativ erlebt, es sei denn, wir müssen plötzlich eingreifen, um ein Unglück zu verhindern, falls er wirklich einmal etwas Folgenschweres machen sollte. Während eines gut durchgeführten Trainings dürfte eine solche Situation jedoch kaum entstehen.

Negative Eindrücke hinterlassen tiefe Spuren in einem Hund. Das habe ich selbst schmerzlich erfahren: Vor vielen Jahren hatten wir einen grossen Mischlings-Rüden, der sehr lieb und leicht zu handtieren war. Wir wohnten damals hier in Norwegen auf einem Bauernhof, wo der Hund sich frei zwischen Kindern und Tieren bewegte und sich immer äusserst harmonisch benahm (typisch für Hunde, die sich von klein auf immer frei bewegen dürfen). Dieser Hund war in der Tat der “beste”, den wir jemals hatten, und ich hätte meine Hand für ihn ins Feuer gelegt.

Aber eines Tages kam ein Junge auf dem Fahrrad vorbei, etwa 100 m von uns entfernt. Als der Hund den Radfahrer sah, stürzte er erregt auf ihn los, holte ihn ein und biss sich wütend in seinem Bein fest, so dass das Blut spritzte. Natürlich musste ich den Hund (nach norwegischen Gesetzen) sogleich töten lassen.

Hier steht Banner w200-leftViel später erzählte uns eine Nachbarin, dass sie gesehen hatte, dass dieser Junge unseren Hund als Welp am Schwanze gepackt hatte, ihn wie beim Hammerwurf um sich schleuderte und ihn schliesslich mindestens zehn Meter von sich warf. Eine schreckliche Tragödie, aber wir konnten nichts mehr daran ändern. Du kannst sicher verstehen, was ich nach nunmehr 20 Jahren immer noch über diese Sache fühle…

Aber auch weniger dramatische Ereignisse können unseren Hund tief beeindrucken. Es muss deshalb immer unsere Aufgabe sein, unseren Hund davor zu beschützen, Dinge zu erleben, die er als schlimm empfindet. Denke immer daran, dass unsere Welt heute so kompliziert ist, dass selbst wir, als denkende und vernünftige Wesen, oft nicht mehr zurecht kommen. Behandle Deinen Hund deshalb natürlich und unbeschwert, das versteht er!

Sissel B. Haakonsen schreibt in der “Hundepost” Nr. 4/97, dass sie es niemals bereut hat, ihren Hunden nur positive Signale gegeben zu haben. Besonders hebt sie die positive Wirkung unseres Spielens mit dem Hund hervor. Jean Ottesen, erfolgreicher Trainer in Obedience, spricht davon, dass wir unserem Hund unsere lebhaftesten Seite zeigen und “uns für ihn aktiv machen” sollen. Wir müssen versuchen, ihn zu überraschen und zu fascinieren.

Petter Nordlien, der Trainer der norwegischen Nationalmannschaft in Agility, hat seinen eigenen Hund weiter entwickelt, indem er sich beim Training (nach unseren Massstäben) albern und lächerlich aufführte, sowohl in seinen Bewegungen als auch dem Gebrauch der Stimme.

Sich selbst zu einem Clown zu machen ist eine Form des Führens, die die meisten Hunde mit Freude begrüssen. Versuch es einmal!

Dann wirst Du wahrscheinlich erleben, dass Dein Hund hellbegeistert ist, dass er Dir folgt und mit grossem Eifer das zu tun versucht, was du willst.

Diese Methode eignet sich für Hunde, die im Allgemeinen zurückhaltend und skeptisch sind, die sich für alles mögliche anderes interessieren, unkonzentriert sind oder deine Kontrolle als unangenehm empfinden. Dieses Vorgehen trägt erheblich dazu bei, dass unser Hund “mitgerissen” wird und Störingen und Sorgen übersieht. Bei aller Umsorge, die wir für unseren Hund fühlen, dürfen wir ihm dennoch nie zeigen, dass wir selbst bekümmert sind und mögliche Gefahren sehen. Mitleid ist eines der schlimmsten Dinge, die wir unserem Hund zeigen können. Er hat dafür überhaupt kein Verständnis!

Die Clown-Methode passt natürlich nicht für Hunde, die sehr motiviert und von Natur aus “hyperaktiv” und “draufgängerisch” sind. Diese “stressen” um den Führer herum und warten verzweifelt auf einen Befehl von Dir, den sie verstehen. Viele Border Collies sind so. Die meisten von ihnen sind fantastische Agility-Hunde – aber von ihnen spreche ich hier nicht.

Dennoch gilt auch für sie genau wie für alle anderen, dass wir als Führer die Aufgabe haben, alle Schwierigkeiten für sie aus dem Wege zu räumen. Wenn das nicht möglich ist, müssen wir dafür sorgen, dass unser Hund seine Meinung ändert: Alles, was zuvor ein Problem für ihn war, muss er nun zu schätzen lernen. Negative Erinnerungen müssen ausgelöscht werden. Das kann lange dauern – aber es ist durchaus möglich.

Damit komme ich zurück zu Mica. Unser Problem war, dass Mica den Agility-Tisch als ein gefährliches Möbelstück ansah, und dass es für sie eine schreckliche Plage war, sich auf mein Kommando auf diesen Tisch zu legen. Das schaffte sie ganz einfach nicht. Sie sah in mir auf dem Tisch eine Bedrohung. Diese Eindrücke wurden dadurch verstärkt, dass ich Zwang auf sie ausübte, und das über einen langen Zeitraum. (Wie idiotisch kann man sich eigentlich benehmen???)

Wenn man sein eigenes Unvermögen einsieht, hat man eine Chance. Dann kann man sich nämlich ändern und Pläne für die Problemlösung schmieden.

Ich entschloss mich dazu, mit dem Einlernen des Tisches neu zu beginnen. Ich wollte ALLES anders machen, als bisher. Andre Umgebungen, ein Tisch, der anders aussah, andere Kommandos. Ich benutzte eine andere Körpersprache, einen anderen Tonfall – und natürlich NIE MEHR ZWANG !

Ich zimmerte einen Tisch zusammen, den ich in unserer Kellerstube aufstellte.

Dort haben unsere Hunde grosse Freiheiten, und dort geniessen sie den Umgang mit uns. Hier ist fast nichts für sie verboten.

Einige Tage gab ich Mica sehr wenig zu fressen (das schadet einem Hund nicht), bis ich sicher war, dass ihr Verlangen nach Essen grösser war, als ihre Furcht vor dem Tisch. Dann setzte ich ihren Futternapf voll mit Essen auf diesen Tisch und hob sie darauf. Ich zog mich schnell einige Meter zurück. Sie frass mit grossem Eifer und ohne Unbehagen zu zeigen. Aus “sicherer” Entfernung lobte ich sie. Als sie die Mahlzeit beendet hatte, überliess ich es ihr selbst, ob sie auf dem Tisch bleiben wollte oder nicht.

Ich will unterstreichen, dass ich mein Vorgehen genau überlegt habe, und da besonders mit Hinblick darauf, was ich NICHT machen durfte. Das hört sich einfach an, aber es hat sich dennoch gelohnt, dass ich ein Tagebuch über mein Vorgehen und Mica’s jeweiligen Reaktionen führte. Diese Aufzeichnungen wurden mit der Zeit sehr umfangreich, und ich studierte sie ständig, während ich Pläne für meine weiteren Schritte schmiedete. Über mehrere Wochen bekam Mica ihr Fressen auf dem Tisch in der Kellerstube. Wir nahmen weiterhin am Agility-Training teil, aber ich entfernte immer den Tisch vom Parcours, bevor wir starteten. Mica machte gute Fortschritte bei diesem Training, wenn der Tisch weg war und keine schlimmen Erinnerungen wecken konnte, und wenn ich mich “attraktiv” für sie machte, wie ich es oben beschrieben habe.

Gleichzeitig übten wir zu Hause das Hinlegen. Als Unterlage dafür wählte ich Mica’s Lieblingssofa in unserer Kellerstube. Sie war immer bereit, auf Kommando auf dieses Sofa zu springen, sich aber auf Kommando hinzulegen, schaffte sie nicht. Ich benutzte nicht mehr die gewohnten Zeichen für’s Hinlegen, sondern legte stattdessen meine Hände auf den Rücken und benutzte das freundliche Kommando “leg dich hin”. Aber dennoch – sie konnte nicht (!!!), das Problem war zu tief verwurzelt. Ich hatte es zu eilig! Wenn man sich auf diese Weise bei der Problemlösung festrennt, muss man das schnell einsehen, den Versuch abbrechen, und etwas ganz anderes probieren.

Am nächsten Tag liess ich sie auf’s Sofa springen und zog mich sofort weit zurück (es war wichtig, einzusehen, dass ICH das Problem war!). Ich wartete, und zum Schluss legte sie sich hin. Jetzt erst legte ich meine Hände auf den Rücken und sagte freundlich: “Leg dich hin!”. Und danach lobte ich sie, kniete neben ihr nieder und gab ihr Bissen von einem Schweinebraten!

Mit der Zeit erhöhte ich sehr langsam die Anforderungen. Ich hob sie nicht länger auf den Tisch, sondern liess sie hochspringen, um zum Essen-Napf zu kommen. Schrittweise stellte ich mich selbst immer näher beim Tisch auf. Später war da kein Essen-Napf mehr, sondern ich gab ihr Leckerchen, wenn sie auf den Tisch sprang. Und erst jetzt begann ich wieder, Kommandos am Tisch zu geben.

Das Hinlegen auf Kommando auf dem Sofa funktionierte nach einigen Wochen gut. Damit konnten wir diesen Teil auf den Tisch übertragen. Dieser war nun so vertraut für Mica, dass die Sache sofort klappte.

Systematisches Vorgehen, Geduld, eifriges Loben und supergute Leckerchen waren meine wichtigsten Hilfsmittel. Später setzten wir unseren Tisch in den Garten, um zu trainieren, und allmählich liess ich Mica bei Spaziergängen auf Parkbänke springen und sich hinlegen. Grosse Steine wurden auch ein beliebtes Objekt zum Liegen. Aber auf der Agility-Bahn war der Tisch immer noch weg. Ich wollte kein Risiko eingehen…

Zum Schluss, bei einem Spaziergang im Regen und Gewitter, kommandierte ich sie auf das Wrack eines Autos, und dort legte sie sich auf Kommando willig auf den Panzer. JETZT war ich sicher, dass wir am Ziel waren! Und erst jetzt benutzten wir auch den Tisch wieder beim Agility-Training. Und ihre Reaktion bewies, dass das Problem gelöst war. Mica hatte sich in den Tisch verliebt! Das hat fast zwei Jahre gedauert!

Bei unserem ersten Wettbewerb nach dieser langen Pause ging Mica hervorragend. Wir waren fehlerfrei fast im Ziel. Das letzte Hindernis war eine Hürde. Ich kommandierte “hopp” – aber unweit der Hürde stand der Tisch. Mica änderte ihre Richtung und sprang auf den Tisch. Dort trampelte sie ungeduldig – und sie sagte (!) zu mir: “Schau, wie tüchtig ich bin! – Soll ich mich hinlegen, sitzen oder stehen??”.

Der Richter flötete (Disqualifikation – falsches Hindernis!). Und alle Zuschauer wunderten sich, warum Hund und Führer in glücklichen Jubel ausbrachen. Aber jetzt weisst DU, warum diese Disqualifikation unser grösster Sieg war!

Unsere Aktivitäten mit Hunden sollten nicht in erster Linie durch Prestige geprägt sein. Oft sind wir Niederlagen und Sorgen ausgesetzt.

Wir dürfen unseren Hund nicht nur nach roten Schleifen und Pokalen messen. Wir sollten öfter miteinander über unsere Schwierigkeiten und Probleme sprechen, besonders dann, wenn wir in den Augen anderer erfolgreich sind. Das würde sowohl unseren Hunden als auch uns selbst weiterhelfen.

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Teil 3 – Epilog

Die beiden früheren Artikel mit gleicher Überschrift beschrieben meine Erfahrungen mit einem sehr sensiblen Hund, der durch mein Unvermögen fast verdorben wurde. Damals glaubte keiner meiner Vereinskameraden, dass Mica jemals erfolgreich in Wettbewerben sein könnte. Ihre Bemerkungen liefen oft darauf hinaus, dass “dieser Hund” mir grosse Schwierigkeiten bereiten würde. Sie haben sich geirrt. Dem Hund fehlte gar nichts, ICH war der Versager, der Probleme schuf!

Meine Diskussionen mit Fjellanger, Ottesen und Rugaas waren eine grosse Hilfe für mich, und hatten ganz wesentliche Bedeutung dafür, dass mein Wunsch, den angerichteten Schaden wieder gut zu machen, in Erfüllung ging. Mica ging freudig Agility und wurde zweimal Rogalandsmeister. Ihre Pokale auf dem Regal sind für mich ein Beweis dafür, dass sie ein ausgezeichneter Hund war.

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Wir hatten noch so viele gemeinsame Pläne: Wir wollten zusammen schwimmen und Pilze suchen. Wir wollten miteinander mit Spur-Training beginnen. Wir freuten uns auf einen gemeinsamen Herbst. Aber unsere Zeit lief aus. Mica bekam Krebs, und schon zehn Tage nach ihrer Operation kamen neue Geschwüre.

Am 6. Juli 1998 lag Mica zum letzten Mal auf einem Tisch, in einer Tierklinik. Ich kniete neben ihr und flüsterte ihr die geliebten Kommandos ins Ohr, die sie mit so grosser Freude ausgeführt hatte. Trotz ihrer Schmerzen reagierte sie mit einer Andeutung von Munterkeit, bevor die Spritze des Tierarztes sie müde machte. Sie atmete ruhig und fühlte sich sichtlich geborgen, als sie einschlief, mit ihrem Kopf in meinem Arm.

[H4]Ein Hund will immer sein Bestes geben. Und ich habe das auch versucht, bis zur letzten Minute. Hand auf’s Herz![/H4]

Diese Geschichte wurde von Mike Theiss geschrieben und für clicker.de zur Verfügung gestellt, vielen Dank Mike!
Mica’s Geschichte findet sich im Orginal auf Mikes Webseite “Alternative Agility Training” unter http://go.to/agility.

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