Exkurs: Jagen, Bewußtsein, Ethik und Strafe

Die immer wieder auffachende Diskussion über die richtige Anwendung und dass Für und Wider des Einsatzes von E-Schocks im Hundetraining impliziert imo indirekt, dass man “bei manchen Sachen ohne Strom nicht weiterkommt” – z,B, dem Jagdverhalten – bzw. das der Erfolg, so er denn eintritt, im Nachhinein die Mittel schon heiligen wird. Letztlich unterliegen wir alle zuweilen dem Glauben, dass die Intensität der erforderlichen Strafe irgendwie proportional zur Stärke der Motivation sein muss – beim Jagen helfen dann bestimmt nur die harten Sachen. In die gleiche Falle ist Bloch in seinem Familienhundbuch ja auch getappt.

Wenn das so ist, dann können wir die Sache mit der Ethik gleich vergessen. Wer dieser Ansicht ist, kann sich den Rest ersparen und braucht nicht weiter zu lesen.

Ich möchte als gegeben voraussetzen, dass Hunde über Emotion & Gefühl verfügen und die Fähigkeit zum Empfinden von Leid haben. Es stellt sich die Frage, ob ihnen das auch bewußt ist.

Sieht sich ein Hund als Individuum, ist er sich seiner selbst bewußt und reflektiert er, dass er Selbst es ist, dem etwas widerfährt (z.b. ein Stromschlag, ein Leckerchen, Zuwendung)? Oder ist es vielmehr so, dass die Emotion eine nur körperliche Reaktion ist, wie beim Menschen zwar begründet in physiologischen Abläufen, in neuronalen Mustern, die aber letztlich nicht im Sinne eines bewußten Erlebens vom Subjekt reflektiert werden?

Hunde verfügen über ein hochentwickeltes Gehirn. Sie leben in sozialen Gruppen und erkennen einander als Individuen, die soziale Gruppe ist nichtlinear organisiert, was eine hohe Flexibilität im sozialen Verhalten voraussetzt.
Ich denke, dass man aus dieser Fähigkeit, nämlich anderen Individuen unterschiedliche Eigenschaften zuzuschreiben oder auch daraus, dass Hunde in der Lage sind das Fehlen eines Gruppenmitglieds zu erkennen und ihr Verhalten daran anzupassen, ableiten kann, dass ein Hund in gewissem Maße über ein Bild seiner selbst verfügen muss – wie sonst sollte er über das Bild eines anderen verfügen und die Handlungen anderer voraussehen können? Auch wenn dies natürlich letztlich unbeweisbar und ungewiss bleibt (um den Wahrheitsbegriff zu erfüllen müßte es sich um eine empirisch überprüfbare Aussage halten, was hier nicht möglich ist).

In einigem Maße sind Hunde zudem zur Empathie fähig, wie wohl jeder schon selbst festgestellt hat (man kann das aber natürlich ebenfalls mit Fug & Recht als Anthropomorphismus bzw. nicht beweisbar abtun) . Ich glaube nicht, dass die Hunde zu Empathie in der Lage wären, wenn sie nicht in der Lage wären ihren eigenen Zustand ihrem “Selbst” zu zu schreiben. Wie auch immer es sich anfühlen mag, ein Hund zu sein – es wird sich sicher fundamental vom Menschsein unterscheiden.

Man kann wohl, auch wenn darüber wiederum keine Gewissheit besteht, sicher doch mit einigem Recht annehmen, dass Hunde über eine rudimentäre Form von Selbst-Bewußstsein verfügen. Jedenfalls schließe ich das aus dem Sozialverhalten der Hunde, die ich kenne.

Hier steht Banner w200-leftHunde verfügen andererseits sehr wahrscheinlich nicht über die Fähigkeit, sich mit der eigenen Existenz in abstrakter Weise gedanklich auseinander zu setzen. Sie werden also nicht Gedanken haben wie: “Was ist das nur für ein unmenschlicher Trainer, der mir diesen Elektroschock verpaßt hat.” Das überfordert das hundliche Gehirn ganz sicher. Es ist aber doch gewiss, dass ein Hund im Moment des Elektroschocks, des Leinenrucks oder sonstwelcher Gewaltanwendung Leid empfindet – Schreck, Schmerz und Angst – ohne eine abstrakte Ursachenanalyse durchzuführen. Im Unterschied zu einer Auseinandersetzung im sozialen Umfeld, z.B. einer Rauferei, ist so etwas vom Hund nicht verarbeitbar, es bleibt ihm unverständlich, und er nimmt es bestenfalls nach einer Weile der Gewöhnung als Teil seiner Umwelt hin, ohne es weiter zu bewerten.

Den Hund als soziales, zu Emotion fähiges Lebewesen und zudem als Sozialpartner anzunehmen bedingt doch, dass wir ihn “anständig”, seiner Art entsprechend behandeln. Der Hund ist ein von uns abhängiges Wesen einer anderen Art (deswegen ist er dem Menschen nicht gleichzustellen, und hieraus ergibt sich auch die Pflicht, das Tier nicht zu vermenschlichen). In vielem ist er nicht entscheidungskompetent, z.B. bei der Frage ob man jetzt dieses Karnickel verfolgen sollte, raufen sollte, der läufigen Hündin hinterherlaufen oder eben nicht. In Fragen also, bei denen der Hund die Kompetenz zur Entscheidung nicht hat bzw. wir ihm diese aufgrund der Umstände absprechen müssen, ist der Mensch gefordert zu entscheiden (ich rede hier nicht von Hundesport, sondern von wirklicher Erziehung).

Ich finde, dass sich hieraus die Verpflichtung ergibt, den Umgang mit dem Tier zu erlernen und so viel Wissen wie möglich über dieses Terra Incognito zu sammeln. Dazu gehören u.a. Kenntnisse über die Art & Weise wie man dem Hund beibringen kann, in seiner Umwelt friedlich zu leben, ein “lebenswertes Leben” zu führen und unsere Verhaltensnormen anzuerkennen. Zugleich aber muss einem bewußt sein, dass man so ein Tier niemals wirklich verstehen kann. Wir können nicht fühlen, wie ein Hund fühlt. Wir können aber sinnvolle Annahmen darüber treffen, wann er leidet und wann nicht. Ganz sicher leidet ein Tier, wenn es erheblichen Schmerz & Schreck erleidet, weswegen ja auch vom TSchG gefordert ist, dass vermeidbare Leiden nicht zugemutet werden dürfen.

Im Falle einer Abwägung, wie in der Frage “besser kurz Strom oder ewig Leine” entscheidet man sich zwischen einem als sicher anzunehmenden Leid (dem Elektroschock) und einem wahrscheinlich eher nicht als leidvoll empfundenen Zustand (dem Eingeschränktsein der pers. Freiheit durch die lange Leine). Zudem ist äußerst zweifelhaft, ob das Problem allein durch die Zumutung von Leid gelöst werden kann.

Meine Hypothese: Wer also in einem solchen oder ähnlichen Fall für den Einsatz von Elektroschock entscheidet (mithin also erhebliche Leiden in Kauf nimmt), handelt unethisch. Insbesondere auch deswegen, weil es viele Aspekte im Vorfeld gegeben haben muß, die dazu geführt haben, dass sich ein nicht angepaßtes Verhalten, entwickeln konnte – das fällt ja nicht vom Himmel, sondern hat eine Entstehungsgeschichte.

Oft wird argumentiert, die Diskussion über ethische Aspekte von Training wäre unsinnig, weil sie das Thema verfehlt. Ich möchte so weit gehen zu sagen, in der Frage der Anwendung von Elektroschocks u.ä. geht es ausschließlich um Ethik. Der technische, vom individuellen Empfinden entkoppelte Aspekt der Strafe im Sinne der operanten Konditionierung ist nicht strittig – das ist gut untersucht und verifiziert. Das sich ein Elektroschock als universell einsetzbarer aversiver Reiz beliebig steuerbarer Intensität hervorragend eignet, ist ebenfalls unstrittig. Genau wie der Umstand, das ein Erfolg bei handwerklich einwandfreier Arbeit wahrscheinlich ist.

Kurzum: Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel !

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