Darf man Knurren verbieten?

Angeregt von einer Diskussion in einer Facebookgruppe über meinen kürzlich eingestellten Blogbeitrag Clickertraining im “roten Bereich” mal etwas zum Thema Knurren. (Auf die Diskussion näher einzugehen lohnt sich nicht, es war halt die übliche Empörung, wenig Sachliches und viele Sprüche a “Furchtbar, wieder mal lernt ein Hund, daß Menschen unberechenbar sind!” usw…).

Knurren ist Ausdrucksverhalten, das dazu dient, die innere Befindlichkeit des Hundes dem anderen mitzuteilen. Also “Hundesprache”. Ganz normal, genau wie wir Menschen mal granteln, knurren die Hunde. Diese “innere Befindlichkeit” kann (so meine Erfahrung) vollkommen unterschiedlich aussehen. Mein kleiner Jack-Russell-Mix Ferdi hat z.B. wild geknurrt, wenn er gestreichelt und geknuddelt wurde… und hatte dabei einen Gesichtsausdruck der höchste Entzückung und Freude zum Ausdruck brachte. Wehe, man hörte auf, ihm das Bäuchlein zu kraulen! Das wurde sofort mit empörter Miene und verzweifeltem “Mach weiter!!!”-Gezappel quittiert. Das Knurren war hier ein Ausdruck von Vergnügen und Wohlempfinden, allein sein Gesicht dabei sprach Bände.
Erlebe ich auch oft mit meinen beiden jetzigen, wenn sie mitenander raufen. Das Knurren gehört dazu und ist Teil des Spieles. Keiner von beiden kommt auf die Idee, das Spiel zu unterbrechen, nur weil der andere knurrt. Es muß offensichtlich im Kontext des Gesamtausdruckes betrachtet werden und wenn dieser auf “albern Rumblödeln” eingestellt ist, dann ist das Knurren kein Warnsignal, welches große Bedrängnis oder aggressives Verhalten signalisiert.

Anders sieht das aus, wenn Hunde z.B. Ressourcen verteidigen oder ihre Indivitualdistanz unterschritten sehen. Ängstliche Hunde knurren auch, jedoch ist die Körpersprache und das Verhalten ein vollkommen anderes. Angst ist hier das zugrunde liegende Motiv.

Nochmal anders ist es bei Hunden, die offensiv agieren, ihr Territorium verteidigen oder (einfach ausgerdrückt) “auf Krawall gebürstet” sind. Auch sowas gibt’s. Genauso wie es Menschen gibt, die anderen gerne einfach mal was auf’s Maul hauen, gibt es Hunde, die sich nicht benehmen können und sich nach unseren Maßstäben “assozial” verhalten. (Daß dieses Verhalten letztendlich auch biologisch sinnvoll ist, im Sinne der Evolution, die nun mal wenig Sinn für Ethik und Moral dafür viel Sinn für das Durchsetzen von offensiven Strategien hat, sei hier am Rande erwähnt…)

Das Knurren kann also ganz unterschiedlich motiviert sein. Mißverständnisse sind vorprogrammiert. Immer wieder hört man z.B. von Möpsen, die von anderen Hunden attakiert werden, weil deren “Röcheln” aufgrund des zu langen Gaumensegels als offensives Knurren (der Rest der Körpersprache ist ja widersprüchlich zu diesem Geräusch) interpretieren und den armen Mops kurzerhand rund machen.
Mein oben genannter Ferdi wurde einmal von einer Tierheimmitarbeiterin, die ihn ein paar Tage betreuen sollte, streng gemaßregelt, weil sie sein Knurren beim Streicheln als “aggressiv” empfand. Dabei wollte er ihr nur mitteilen, daß ihr Streicheln klasse ist und sie bitte weitermachen möge…

Wie geht man also um mit diesem Geräusch, daß für uns Menschen oft einen bedrohlichen Charakter hat? Fallbezogen und im Kontext der dahinter liegenden Motivation, würde ich meinen. Und damit sind wir wieder bei der Diskussion über das eingestellte Video in der Facebook Gruppe. Einer der Kritikpunkte war:

“Knurren darf man generell nicht verbieten, da es die Vorstufe zum Beißen ist! Der Hund warnt dann in Zukunft nicht mehr, sondern beißt gleich zu!!!”

Man solle also das Knurren belohnen, markern, clickern oder was auch immer und so den Hund “freundlich” stimmen, damit er seine innere Befindlichkeit ändert.

Meiner Meinung nach ist es nicht so einfach und geht weitgehend am Hund vorbei. Ich muß als Trainer (oder Halter) das Knurren im gesamten Kontext sehen und mir Gedanken machen, welche Intention dahinter steckt. Auf diese, die Intention, reagiere ich und nicht auf ein aus dem Kontext heraus genommenes Ausdrucksverhalten. Und da kann die Reaktion eben ganz unterschiedlich aussehen. Ein spielerisches oder (wie bei Ferdi) “Wohlfühlknurren” werde ich sicher nicht verbieten, beim ängstlichen Hund natürlich auch nicht, da vermittle ich Sicherheit und nehme mich zurück.

Geht es aber in Bereiche, die ich nicht tolerieren kann, so z.B. bei offensiver Aggression, Territorialverteidigung und ggf auch bei Ressourcen, die ich einfach nicht dem Hund überlassen kann, muss ich das Knurren im Kontext zu diesem – unerwünschten Verhalten – sehen… und verbiete es. Nicht das Knurren, sondern die dahinterliegende Motivation, die innere Einstellung.

Ich will nicht, daß mein Hund sich gefundene Knochen nicht abnehmen lässt, weil er sich daran verletzen könnte. Ich will aber auch nicht, daß mein Hund meine Gäste bedroht oder gar beisst, mich nicht auf’s Sofa lässt oder die Nachbarskinder verletzt, wenn diese mal beim Toben auf’s Grundstück laufen.

Würde ich hier dem oben genannten Ratschlag folgen und das Knurren belohnen, käm ich kein Stück weiter und hätte bald meinen ganz privaten Haustyrann. Gut, damit kann man auch leben… man wird halt recht einsam und muss sich die Post ggf. auf dem Postamt abholen. Hauptsache, der Hund fühlt sich wohl.

Letztendlich ist es – wie fast immer – eine Frage der eigenen Bereitschaft. Wie möchte ich das Zusammenleben mit meinem Hund gestalten? Nehme ich ihn als Lebenspartner ernst? Bin ich bereit, mich mit seiner Gedankenwelt auseinander zu setzten und ihn gleichzeitig mit meiner Gedankenwelt zu konfrontieren und von ihm (im Rahmen seiner Möglichkeiten) auch Anpassung zu fordern? Dann werfe ich einen Blick hinter sein Ausdrucksverhalten und versuche ihm offen und ehrlich mitzuteilen, was mir gefällt und was mir nicht gefällt.
Oder lasse ich ihn sein wie er ist, vermeide Konflikte um nicht negativ eingreifen zu müssen, verkaufe mich als immer netter Quell der Freude und lebe mit den sich ergebenden Problemen so gut oder schlecht es eben geht?

Fände ich persönlich schade und diesen tollen, hochsozialen Lebensgefährten nicht angemessen. Mißverständnisse sind dazu da, ausgeräumt zu werden. Auch wenn ich Gefahr laufe, daß ein oder andere Mal “ungerecht” zu meinem Hund zu sein, denke ich doch, daß er von meiner ehrlichen und authentischen Art, ihn in mein Leben zu integrieren mehr profitiert, wie von einer praktizierten Vermeidungsstrategie gepaart mit ach so sanftem, rein positivem Training.

Zum Schluß noch ein Beispiel, wie Hunde auf territoriale Eindringlinge auch reagieren können, wenn man sie “Hund” sein lässt. Sicherlich ne andere Nummer, wie der kleine Hund in dem Video von Gary Wilkes. Aber das Thema ist im Grunde das selbe: