Clickertraining – Der Ernstfall

Was tun mit Viktor?
von Dr.Martin Pietralla

Was Clickertraining ist und wie es Operante Konditionierung konsequent umsetzt, habe ich in den vorhergehenden Heften berichtet. Ganz “neu” ist es nicht. Sogar das Training eines Hundes mit einem Knackfrosch ist schon beschrieben worden.

Beim Shaping wählte man „Männchen machen“. So wird man zu der Auffassung geführt: Kunststückchen lernen mit dem Clicker ja, aber wenn es ernst wird, muß man „professionell“ werden, eine starke Hand haben. Dann bekommt man die Probleme in den Griff. Leinenruck am Stachelhalsband für die ganz „uneinsichtigen“ Hunde ist im ZweifeLsfall akzeptiert. All das sind Aspekte der Operanten Konditionierung. Strafen, aversive Reize bilden einen Ausschnitt. Mit ihnen kann man Meideverhalten erzielen. Aber eigentlich wollen wir ja das Verhalten unseres Hundes in ganz bestimmte Richtungen formen. Dabei ist positive Bestärkung das Mittel der Wahl. Hier heißt es C & B – Click und Belohnung. Das ist allein eine Frage der Effizienz.

Problemhund Viktor

Darum möchte ich Ihnen abschließend von Viktor erzählen. Kunststücke sind für ihn nicht gefragt. Mit Viktor hat man im Tierheim Probleme, die man nicht in den Griff bekommt. Man sucht Hilfe. Viktor ist ein wunderschöner, fuchsroter Schäferhund-Mischling, zwischen fünf und sechs Jahre alt. Als Fund in das Tierheim gekommen, galt er dort als ein ausgesprochen freundlicher, selbstbewußter, dem Menschen zugetaner Hund. Er kam, so wurde berichtet, mit allen anderen Hunden gut zurecht. Spaziergänge mit ihm waren einfach. Viktor wurde an eine Familie vermittelt: Vater, Mutter und ein siebenjähriger Sohn. Der Hund lebte sich schnell ein, öffnete Türen, sprang über den Gartenzaun und machte sich gelegentlich selbständig. Beim Spaziergang freigelassen kam er jedoch auf Ruf oder Pfiff zurück. Bei Besuch im Haus wurde zunehmend unruhiger. Nach einer Woche begann er, sein Futter knurrend zu verteidigen. Während er dem Vater weiterhin gut gehorchte, wurde sein Verhalten der Mutter gegenüber immer undisziplinierter. Nach etwas über zwei Wochen griff er während eines Spazierganges ohne den Vater den vorauslaufenden Junge an, biß in den linken Arm und schüttelte. Die beherzt eingreifende Mutter wurde von ihm in beide Hände gebissen. Es gelang ihr aber, ihn an einen Baum zu binden. Dort blieb er einige Stunden, bis ihn der alarmierte Vater abholte.

Nach insgesamt zweieinhalb Wochen landete Viktor also wieder im Tierheim. Dort schnappte er noch nach dem Tierarzt und einem Helfer. Er wurde nur deswegen nicht eingeschläfert, weil er die Zeit zuvor so umgänglich gewesen war. Zu dem geschilderten Unfall möchte ich nur sagen, daß es sich wahrscheinlich um ein typisches und für einen Kenner vorhersagbares Dominanzproblem gehandelt hat. Ein solcher Hund ist kaum zu vermitteln. Als ich Viktor das erste Mal gegenüber stand, wußte ich von all dem nichts. Man hatte mir nur gesagt, daß außer der Tierheimleiterin niemand zu ihm in den Laufhof gehe. Er sei sehr wild und unbeherrscht im Spiel und kenne dabei keine Grenzen, setze die Zähne sehr schnell ein. Er hatte zu diesem Zeitpunkt mehr als zweieinhalb Jahre im Tierheim verbracht und war zwei Jahre lang nicht mehr ausgeführt worden. Er hatte sich des Halsbandes entledigt und ließ sich keines wieder anlegen. Daran war man bereits gescheitert. Das erste Jahr nach seiner Wiedereinlieferung hatte er auch keinen Zugang zum Laufhof bekommen, sondern sein Leben im engen Zwinger verbracht. Viktor hat das weggesteckt. Er ist ein echter AlphaHund!

Der Wunsch war, den Hund wenigstens wieder ausführen zu können.

Von außen durch den Zaun konnte ihn jeder streicheln. Viktor war sofort da, wenn sich jemand näherte. Den Clicker konnte ich leicht konditionieren, ein Click, ein Leckerle durch den Zaun geworfen oder aus der Hand gegeben. Viktor hat es sehr schnell begriffen. Zu ihm hineinlassen wollte man mich zunächst nur in einem Schutzanzug. Das war mir nicht sympathisch. Schließlich wurde ein Helfer mit einem Wasserschlauch bereitgestellt. Die feste Hand eines guten Kenners der Rasse DSH, die von der Tierheimleitung gesucht wurde, wäre von vornherein „amputiert“ gewesen. Viktor trug ja kein Halsband. Alle Erziehungsmethoden, die ein Halsband und eine Leine verlangten, waren nutzlos, es sei denn. man wollte es mit einer Fangschlinge versuchen und so seinen Haß auf alle Berührungen am Hals noch verstärken. Ich hatte jedoch Vertrauen in die Lerngesetze, meinen Clicker und die Tasche mit Leckerle. Kaum war ich im Laufhof eingetreten, war Viktor nicht mehr charmant. Er sprang mich schräg von hinten an, zu voller Größe aufgerichtet, und klammerte. Abwehrbewegungen beantwortete er sofort mit zunehmend heftigeren Beißversuchen. Der junge Mann am Wasserschlauch wurde nervös. Ich sagte ihm, daß ich wasserscheu sei und keine Lust auf eine kalte Dusche hätte. Da er dieses Verhalten immer zeigte mußte er darin sehr oft bestärkt worden sein. Was Viktor am meisten fehlte, war Sozialkontakt. Jedes Gerangel mit einem Menschen war ihm Belohnung, auch wenn dieser dann fluchtartig das Areal verließ. Daß er so den Kontakt beendete, konnte Viktor nicht assoziieren. Die Zeitdifferenz war dafür zu groß. Wir erinnern uns, sie liegt zumeist im Sekundenbereich. Wenn Bewegen und Abwehren zu Klammern und Schnappen führt, dann unterlasse ich das. Ein Verhalten, das nicht bestärkt wird, stirbt allmählich aus. Fortan stand ich bewegungslos wie ein Baurmrstamm und blickte ins Unendliche. Das hielt eine ganze Weile an. Viktor provozierte. Schließlich aber ließ er sich auf seine vier Pfoten fallen. Click und Belohnung, ein extra gutes Leckerle! Sofort danach hatte ich Viktor wieder am Hals. Warten, warten, warten, bis er abläßt, und wieder C & B. Viktor hatte schnell begriffen. Um die Belohnung zu erhalten, mußte er mich natürlich anspringen, um wieder ablassen zu können. Es gibt Leute, die darüber philosophieren, ob man einen Hund für die Unterlassung eines Verhaltens, das nicht zu dulden ist, belohnen darf. Ich zog es vor, die Kriterien zu erhöhen: Ablassen und nicht sofort wieder anspringen. Nach der ersten Stunde konnte ich etwa zehn Sekunden stehen, ohne daß Viktor mich ansprang und klammerte. Allerdings war es unmöglich, ihm den Rücken zuzuwenden. Das war eine zu große Versuchung.

Wenn mau ein Verhalten ändern will, muß man nicht wissen, wie
es entstanden ist. Viktor war in früheren Zeiten ein angenehmer
Hund. Also lag kein genetischer Defekt vor: Das war wichtig.
Sein Verhalten war erlernt, wie, ist unwichtig.

Erst in der zweiten Übungsstunde konnte ich mich zwei- bis dreimal schnell vor ihm umdrehen, ohne daß er mich ansprang. Ich begann, ihn auch anzufassen, an der Brust und in Lendenbereicln zu streicheln. Es war unklug, dabei zu stehen, denn dann signalisierten seine mitteilsamen Ohren beginnende Unsicherheit. Nachdem ich Viktors Verhalten kennengelernt hatte, war das Ziel klar. Darauf mußte ich mich konzentrieren. Der direkte Weg ist oft erfolglos oder verbaut. Aber der Weg ist nicht das Ziel. Phantasie, Einfallsreichtum, spontane Kursänderungen helfen weiter. Der direkte Weg wäre irgendeine Art von Verbieten gewesen. Aber was sollte der Hund statt dessen tun? Er weiß ja nicht, was wir unter „anständig benehmen” verstehen. Das Erlernen einer Alternativ handlung, die mit der unerwünschten im Widerspruch steht, hilft weiter. Es ist natürlich völlig sinnlos, mit Kommandos wie „Aus“ und „Platz“ den Hund zu irgend etwas veranlassen zu wollen, solange diese noch nicht assoziiert sind. Falls der Hund damit zufällig Beißen oder Anspningen verknüpft, hat man ein im Moment höchst nutzloses Kommando. Der junge Mann am Wasserschlauch sagte mir, daß Viktor sich auf „Sitz“ häufig setzt. Wunderbar! Das übten wir sogleich. Das Wort veranlaßte ihn zu einem zögernden Setzen. Mit C & B hatte ich bald ein schnelles und gutes Vorsitzen erreicht. Nun wurde das Kommando erneut assoziiert. Sie erinnern sich: zuvor muß das Verhalten sicher gezeigt werden. Wenn wir fünf DM verwetten würden, daß er im nächsten Moment sitzen wird, sagen wir „Sitz“. Als Schlagwort: Erst kommt die Qualität, dann das Etikett.

Das Kommando “Sitz” wurde eine Methode,
den Hund zum Ablassen aufzufordern.

Aber auf Dauer sollte er gar nicht mehr anspringen. Das Verhalten sollte aussterben. Alle Verhaltensketten, die in einer Belohnung enden, nachdem er mich angesprungen hatte, waren nach und nach zu vermeiden. Wenn der Hund mich nicht anspringen soll, ist es gut, wenn er mir nicht zu nahe kommt. Dazu nahm ich den schon früher erwähnten Stab und begann, das Berühren des Stabendes mit der Nase zu belohnen. Die gelegentlichen Zuschauer kratzten sich den Kopf. Was sollte denn das nun wieder? Der Stab hat den Vorteil, daß man ihn am Hund vorbeiführen kann, in der Nähe clickt und den Hund belohnt. So kann man einen aktiven oder einfallslosen Hund zur Neugier und damit beginnender Aktivität ermuntern. Das restliche Shaping ist einfach. Viktor lernte schnell, worauf es ankam. Ein Alpha-Tier zeichnet sich durch Kraft und Selbstbewußtsein, vor allem aber durch situationsbezogene Intelligenz aus. Bald sprang er in die Luft, bald war die Schnauze am Boden, wo immer ich auch den Stab hinhielt. So konnte ich den Hund zu Aktivität entfernt von mir lenken. Die Tierheimleiterin zeigte sich erstaunt. Ihr hatte Viktor einen Besenstil, mit dem sie den Zwinger betreten hatte, völlig zerbissen. Ohne klare Bestärkungen für erwünschtes Verhalten gehen Tiere schnell in selbstbelohnende Handlungen über. Zu Beginn unserer vierten Übungsstunde überraschte mich Viktor mit einer wunderschönen Spielaufforderung, ohne mich anzuspringen! Diese Verhaltensänderung „über Nacht“ nennt man latentes — d.h. verborgenes — Lernen. Wenn der Hund nach einer Übung pausiert, laufen in seinem Hirn immer noch Vorgänge ab, die mit dem vorhergehenden Verhalten zusammenhängen. Für uns ist das ein Jackpot. Wir werden für unser geduldiges, konsequentes Clicken belohnt. Das hält uns auf unserem Weg der positiven Bestärkung. Auch wir werden operant konditioniert, ob uns das bewußt ist oder nicht.

Hier steht Banner w200-rightDoch ein Kunststück?

Beim Sitzen nahm Viktor einmal die Pfote hoch. Das ist doch etwas, was man dicken kann? Also doch ein Kunststück. Inzwischen beherrschen wir die Begrüßung per Hand-, respektive Pfotenschlag. Dann bat man mich, ihm doch ein Halsband umzulegen. Sobald ich mich damit näherte, flüchtete der Hund in die hinterste Ecke. Was war der Auslöser? Da Viktor schon das Berühren des Stabes kannte, war es leicht, ihn das Berühren des liegenden Halsbandes mit der Schnauze ausführen zu lassen, indem ich zunächst das Halsband mit dem Stab berührte. Ging er mit der Schnauze an den Stab: C&B. Dann wurde das Halsband nur kurz mit dem Stab berührt, schließlich der Stab ganz weggelassen. Um ein Verhalten hervorzurufen, muß man den Weg dorthin in kleine Schritte aufteilen, so klein, daß der Hund jeden bewältigen kann. Man springt nicht gleich vom Zehn-Meter-Brett ins Wasser, man fängt vom Beckenrand an. So gelang es bald, ihm im Streicheln das Lederband über den Rücken, sogar über den Nacken zu legen. Wenn er merkte, daß ich das tat, schüttelte er es ab, sonst nicht. Es wurde schnell klar, daß es die Bewegung des Umlegens war, die ihn mit Furcht erfüllte. Dieser direkte Weg schien verbaut zu sein. Ich möchte hier nicht die Historie unserer weiteren Bemuhungen mit einem Laufgeschirr erzählen. Bald war klar, daß es die Bewegung von vorn auf den Kopf zu war, die ihn abwehren ließ. Also versuchte ich es einmal ganz anders: Ein breites Nylonband wurde auf den Boden gelegt und Viktor darin bestärkt, darüberzulaufen. Dann formte ich eine Schlinge und belohnte das Berühren, während ich die Schlinge in der Hand hielt. Das alles hatte den Sinn, ihn mit dem Hantieren dieses Bandes in der Nähe seines Kopfes vertraut zu machen. Und dann wand ich ihm während des Streichelns, das wir aus dem gleichen Grund noch intensiviert hatten, die Schlinge um den Hals, zog das Ende durch und hatte ihn so an der Leine. Er bemerkte es sofort! Ich ließ ihn mit dem Band weglaufen und faßte auch das Ende nicht an. Als er wieder bei mir vorbeikam: Click & Jackpot! Und dann nahm ich ihm das Band wieder ab. Was hätte es genützt, nach dem Motto „Hab ich dich endlich“ zu verfahren? Seine Aversion gegen alle Berührungen am Hals wäre nur gestiegen, alles wäre noch schwieriger geworden. Ich mußte das Umlegen bestärken, wieder und wieder, denn dessen Duldung war mein Ziel! Nun bestärkte ich das Gehen, während ich das Ende des Bandes hielt. Auch das mußte er ja dulden, wenn wir je hinaus wollten.

Daß das Clickertraining auch bei verhaltensgestörten Hunden Anwendung finden kann, wird am Fall des Tierheimhundes “Viktor” veranschaulicht..

Jetzt mußte ich ihm das Anspringen – es starb deutlich aus – endgültig abgewöhnen.

Auch seine „Beißspiele”, wenn ich mit meinen Händen etwas bewegungsfreudiger wurde, waren unangenehm. Führt ein Verhalten nicht zur ersehnten Belohnung, versucht das Tier ein anderes. Viktor offerierte statt Beißeln etwas härteres Beißen. Das belohnte ich natürlich auch nicht, sondern biß die Zähne zusammen und hatte einen blaugefleckten Arm. Einmal quiekte ich hoch und laut, wie wir immer in der Welpengruppe empfehlen, und Viktor ließ erschrocken ab, stubste mir zur Besänftigung seine Schnauze ins Gesicht. Auf die Idee hätte ich ja auch schon früher kommen können. Das war ein guter Zeitpunkt, eine konditionierte Strafe, eine Drohung oder Warnung also, einzuführen. Bevor wir konditionieren können, müssen wir eine Strafe kennen. Was wir uns unter Strafe vorstellen, ist unwichtig. Das Rucken an der Leine ist für viele Hunde keine, sondern allenfalls eine Ermunterung — ein konditionierter Reiz —‚ kräftiger zu ziehen. Was eine Strafe ist, teilt uns der Hund genauso mit, wie er uns die Bestärkung mitgeteilt hat. Reize, gegen die er eine Aversion hat, meidet er. Man nennt sie daher aversive Reize, kurz: Strafen. Wenn wir einen solchen Reiz setzen — vielleicht provozieren wir zuvor ein unerwünschtes Verhalten —‚ bleiben wir selbst neutral, kühl bis ans Herz und konzentrieren uns auf unser Timing. Als Strafe wählte ich den breiten Sprühstrahl einer Sprayflasche, die mit klarem Wasser gefüllt war. Dann wurde Viktor provoziert, mich anzuspringen. „Naaaah! – Sprüh! Der Sprühregen ist ein unmittelbar aversiver Reiz. Kein Fuchteln oder Schimpfen, denn das konnte eine Bestärkung sein. Und widersprüchliche Reize — hier Aversion, da Bestärkung — sind das Ende jeder vernünftigen Ausbildung, sind der erste Schritt zu einem neurotischen Hund. Das „Naaaah!“ ist zunächst noch ein neutraler akustischer Reiz. Sobald das Wort zu Ende gesprochen ist, folgt der Sprühnebel. Nah genug gegeben, zeigte er Wirkung. Viktor ließ ab. Sitz — die Aufforderung zu einer Aiternativhandlung, einige Sekunden sitzen lassen und C&ß! So wird das „Naaaah!“ zu einer Drohung oder Warnung. Beendet der Hund sein momentanes Tun, bevor das Wort zu Ende gesprochen ist, bleibt der aversive Reiz, die Strafe, aus. Die Welt ist wieder in Ordnung. Ist das Wort zu Ende gesprochen, muß die Strafe, welche Form sie auch haben mag, sofort folgen. Und zwar intensiv. Das mag uns irritieren, der Erfolg ist aber, daß die eigentliche Strafe nur ganz zu Beginn vielleicht zwei- bis dreimal gegeben werden muß, dann ist die Warnung konditioniert. Die eigentliche Strafe entfällt. Gelingt das nicht nach so wenigen Versuchen, ist unsere Aktion zwar als Strafe gedacht, vom Hund aber nicht so funden. Dabei ist vorausgesetzt‚ daß nicht sehr starke belohnende Reize gegenwärtig sind. Mit der Sprühflasche war das Kapitel Klammern und Beißen mit drei Versuchen endgültig abgetan. Ich hatte mich natürlich so postiert, daß ich wirklich von ganz nah sprühen konnte. Später im Auto wurde das „Naaaah!“ noch einmal aufgefrischt, dann genügte schon das Zeigen der Sprühflasche, ihn vom unrechten Tun abzuhalten.

Mit Viktor war offensichtlich viel und falsch „gespielt“ worden

Mir war gesagt worden, man dürfe keine Stöcke oder Bälle mitnehmen, da Viktor sonst verrückt spielt. Der Hund besah den Ball an der Kordel, den ich ihm anbot, zeigte aber keine Begeisterung. Er sah mich an — Blickkontakt hatten wir auch geübt. Ich reizte mit Bewegungen — nichts. Das konnte doch nicht wahr sein, dieser bewegungsfreudige, aktive Hund zeigt keine Begeisterung für einen Ball? Ich warf den Ball ein Stück fort. Viktor begab sich langsam dorthin und nahm ihn auf. Ich griff nach der Kordel, und dann lernte ich eine Seite des Hundes kennen, die ahnen ließ, woher die Probleme gekommen sein mögen. Er riß mit aller Kraft. Ein Schutzhund „voll im Trieb“ hätte es nicht besser gekonnt. Man hatte offensichtlich viel und falsch mit ihm gespielt, ihn noch als Alpha aufgebaut. Hierbei ergab sich auch die einzige Situation, wo ich einmal eine Warnung von Viktors Seite vernahm und wohlweislich respektierte. Wir müssen ja nicht um den Ball rangeln, oder? Das war für mich der Anlaß, submissives Verhalten zu üben. Die meisten Hundler glauben, man müsse im Zweifelsfalle dieses unterordnende Verhalten erzwingen — z.B. durch einen Wurf auf den Rücken. Das kann zwar recht eindrucksvoll sein, aber ich vermute, daß Viktors Reaktionsvermögen besser als meines ist. Wozu sich einer Gefahr aussetzen? Der niederrangige Hund zeigt sein submissives Verhalten stets freiwillig. Das ist entscheidend! Also übte ich Hinlegen. Das war nicht so leicht, wie es klingt. Viktor hat ja den ganzen Tag nicht viel anderes zu tun, als zu liegen — wovon seine Liegeschwielen beredtes Zeugnis geben — oder in dem langweiligen Zwinger hin und her zu trotten. Deswegen mochte er sich überhaupt nicht legen. Ich erreichte es durch etwas druckvolleres Streicheln. C&B (extra gute Leckerle), wenn er sich dabei legte! So erhielt ich in drei Sitzungen einen Hund, der sich bei Berührung auf die Seite legte. Schließlich begrüßte er mich sogar durch Herbeilaufen und kurzes Hinlegen! Das ist aktive Unterordnung, ohne daß ich auf den Hund einwirken muß. Der Mensch muß natürlich seine Sicherheit zeigen können. Wenn Dominanzprobleme aus Unwissenheit entstanden sind, kann man sie beheben. Sind sie im unsicheren und ängstlichen oder widersprüchlichen Verhalten des Menschen begründet. sollte man den Hund an einen anderen Halter vermitteln.

Jetzt waren wir also gewappnet — Viktor akzeptierte mich

Ich konnte ihm eine Schlinge umlegen. Er biß nicht mehr und sprang mich nicht mehr an. Ich bat die Tierheimleiterin, mir einen Weg nach draußen zu ermöglichen, ohne daß ich an allen anderen Hunden vorbei mußte.

Ein häufig (gern) gezeigtes Verhalten kann als Bestärkung für ein selten gezeigtes Verhalten benutzt werden.

In der zwölften Übungsstunde — Sie sehen, Geduld ist schon vonnöten — verließen wir das Tierheim. Bewaffnet mit einer Wassersprühflasche, einem Clicker und einer Tasche voll Leckerle machte ich mich mit Viktor, der an einem lächerlich liiafarbenen Nylonband mit einer losen Schlaufe um den Hals geführt wurde, auf seinen ersten Spaziergang seit zwei Jahren! Den Rest kann ich kurz fassen. Leckerle interessierten ihn außerhalb des Zwingergeländes überhaupt nicht. Seine Welt war die der Gerüche. An ihnen hatte er Mangel gelitten, nicht an Futter. Er schnupperte nicht einmal daran! Das ist die Gelegenheit, das Premack-Prinzip noch einmal genau zu erläutern. Ein häufig (gern) gezeigtes Verhalten kann als Bestärkung für ein selten gezeigtes Verhalten benutzt werden. Schnüffeln in allen Ecken war sein Hauptinteresse. Die Erlaubnis hierzu wurde fortan seine Belohnung (mit Click vorweg, versteht sich, denn das zeigt den genauen Zeitpunkt des gewünschten Verhaltens an, beendet es, indem es den Hund für die Belohnung freigibt.) für Sitz Komm und Laufen an lockerer Leine. Man muß darauf achten, daß man zwischendurch die Leine so kurz nimmt, daß der Hund zunächst keine interessante Stelle erreichen kann. Man sagt nichts, man wartet. Will man Sitzen bestärken, wartet man, bis der Hund sich zu setzen beginnt. Vergessen Sie nicht, unter Ablenkung muß man die Kriterien zunächst wieder erniedrigen. Das Kommando Sitz, im Zwinger perfekt beherrscht, kann zunächst außerhalb wirkungslos bleiben. Ein Kommando ist anfangs in den Kontext der Übungsumgebung eingebunden. Deswegen müssen wir generalisieren, d.h. überall üben, können uns nicht auf zu Hause Gelerntes verlassen. Soll der Hund zu mir kommen, bestärke ich ihn, wenn er sich in meine Richtung in Bewegung setzt Später, wenn er mehrere Schritte in meine Richtung gemacht hat, schließlich, wenn er ganz zu mir gekommen ist. Natürlich halte ich ihn nicht fest. Das Click sagt, „richtig gemacht“, auf zu Belohnung, und ich renne mit dem Hund zu der Stelle, die er so gern beschnüffult hätte. Auch das Umlegen eines richtigen Halsbandes bestärken wir so. Nachdem Viktor die Freiheit einmal wieder genossen hatte, versuchte er bei meinem nächsteni Besuch sofort das Tor zu öffnen, durch das wir das Areal verlassen hatten. Ich verlangte ein Sitz. Klar tat er das, Hauptsache hinaus. Dann legte ich ihm langsam und umständlich ein Halsband um, schnallte es zu und hängte die Leine um. Click & hinaus! Wenn wir zurückgekommen waren, nahm ich ihm das Halsband jedesmal wieder ab. Er sollte ja darin bestärkt werden, es sich umlegen zu lassen! Die Leiterin des Tierheims freute sich so sehr darüber, daß sie Viktor ein nagelneues rotes Lederhalsband spendierte. In der 17. Übungsstunde fuhren wir das erste Mal Auto miteinander. Mit „Naaaah!”, Sprühflasche und C&B hatte ich ihn in der 20. Übungsstunde so weit, daß er im Kofferraum blieb und nicht nach vorn sprang.

Viktor genießt die Spaziergänge

Viktor läßt sich von mir hervorragend lenken. Jogger, Radfahrer, Skater ignoriert er. Meine Beobachtungen in Gegenwart von spielenden Kindern aller Art lassen mich glauben, daß Kinder als solche nicht das Problem gewesen sein können. Spazierengehen ist eine Freude. Während der 20. Übungstunde ging Viktor 200 Meter am Stück an überwiegend loser Leine zwei Meter vor mir durch äußerst belebte Stadt- und Parkgebiete. Alle Bilder habe ich während dieser Übungsstunde fotografiert. Viktor ist nervenfest und bellt nicht. Für mich ist er ein Superhund. Viktor ist zu vermitteln. Sollte ihn jemand nehmen wollen, eine Warnung. Er hat immer noch Furcht, angebunden zu sein. Er wird Ihnen, bis er sich eingeordnet hat, anstrengende vier Wochen verschaffen. Er ist intelligent, geschickt mit den Pfoten und hat diesbezüglich offensichtlich erhebliche Erfahrungen. Er ist ein Hund für Hunde-Menschen mit einer ruhigen Selbstsicherheit und viel Hundeverstand, die seiner Clevemneß auf Dauer gewachsen sind. Sollte er eines Tages nicht mehr in seinem Zwinger auf mich warten, werde ich ihn sehr vermissen Ein Knackfrosch, einige Leckerle und eine Sprühflasche mit Wasser zusammen mit einer Lernstrategie, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, haben diesem Hund ein Stück Freiheit zurückerobert.

Dr. Martin Pietralla


Am Silvester Morgen hat sich Viktor auf seinen langen, weiten Weg gemacht.

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