Behinderte Hundehalter berichten

In der HUNDE Revue wurde zu Beginn des Jahres 1997 erstmalig in Deutschland über das” Clickertraining” berichtet – die konsequente Ausbildung über positive Bestärkung. Heute halten wir Rückschau und lassen Hundehalter mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen.

Nach einer kurzen Phase der Verblüffung folgte eine lebhafte Resonanz vor allem im Internet und im dadurch vermittelten persönlichen Kontakt. Viele in der Hundeausbildung auf irgendeine Weise Engagierte schienen regelrecht darauf gewartet zu haben. Inzwischen ist auch der Auslöser in den USA, das Buch “Don’t shoot the dog” von Karen Pryor, auf deutsch erschienen: “Positiv bestärken sanft erziehen” (Kosmos, ISBN 3-440-07695-4).

Kleiner Fortschrittsbericht

Wie alles, was neu ist, gerät auch die Hundeausbildung mit dem Clicker nach kurzer Zeit in den Ruf einer Modeerscheinung. Selbstverständlich wird diese Meinung am lautesten von jenen geäußert, die weder wissen, worum es sich handelt, noch je gesehen haben, wie sie durchgeführt wird. “Ernsthafte” Hundeführer wiegeln mit dem Argument ab, daß sie ja recht nett für Spielereien geeignet sei, aber kein Hund, der so ausgebildet werde, je zuverlässig “arbeiten” wird. Wie soll man denn auch einen Hund mit einem Knackfrosch zum Apportieren zwingen können? Das war eine typische Bemerkung.

Nun gibt es Hunde, für deren Halter jeden Tag der Ernstfall herrscht. Es sind Hunde von Behinderten. Sie sollten tagtäglich zuverlässig reagieren. Darum war es mir eine besondere Freude, als ich von seiten behinderter Hundehalter gebeten wurde, ihnen das Training mit dem Clicker zu erklären.

Die Organisation hatte Liane Thiemann übernommen. Sie ist stark gehbehindert, immer mit dem Damoklesschwert einer Querschnittslähmung lebend.

Für sie hat Hundehaltung eine ganz andere Dimension als für den normalen Hundler. Sinnigerweise fand das Seminar auf dem Hundeplatz eines Vereins für Teckel statt. “Bekanntlich” kann man diese Hunderasse ja nicht erziehen. Nun, mit Lianes Felix, einem saufarbenen Rauhhaarteckel, versuchten wir bei ihr zu Hause das Verfolgen eines Lichtpunktes – durch einen Laser projiziert – zu üben. Das wäre ein enormes Hilfsmittel um den Hund an die Orte zu leiten, an denen es etwas zu tun gibt. Doch Felix und die Schäferhündin Enya lernten noch ganz andere Tätigkeiten.

Aber hören Sie Liane selbst zu:

Behinderung und Hund

Es ist alles nur vorübergehend, dachte ich am Anfang … Aber dann kam der Punkt, an dem ich mir eingestehen mußte, daß ich für immer behindert sein würde und auch nie mehr richtig gehen könnte.

Nachdem ich einen Großteil des Umdenkungsprozesses zugelassen hatte, stellte sich mir die Frage: Und was jetzt?

Hunde waren schon immer meine große Leidenschaft, und ich hatte zu der Zeit (8/95) einen damals zweijährigen Rauhhaardackelrüden, Felix.

Die Beschäftigung mit ihm war immer etwas ganz Besonderes für mich gewesen, und ich liebte die langen Spaziergänge mit ihm. Nun war das alles plötzlich nicht mehr möglich, und weil der Hund so klein war, kam ich auch kaum noch an ihn heran. Ich mußte mich schon auf alle Viere begeben, um mit ihm Körperkontakt aufzunehmen.

Hier steht Banner w200-rightFelix als Helfer?

Als ich dann mehrere Male bis zu einigen Stunden hilflos an einem Fleck verweilen mußte, teilweise auch im kalten Keller, wuchs der Wunsch nach einem Behindertenbegleithund. Immer wieder, wenn die Beine versagten, träumte ich von einem Behindertenbegleithund. Wie schön wäre es jetzt, solch einen Hund zu haben, der mir in dieser Situation das Telefon bringen könnte, damit ich Hilfe herbeirufen kann. Oder der vielleicht sogar selbst Hilfe holen kann, mittels eines Bringsels.

Im April 1998 nahm dieser Wunsch reale Formen an. Ich fing an, mich zu erkundigen, und hatte mir auch schon eine Rasse ausgewählt. Der Gedanke, daß Felix mir eine Hilfe sein könnte, kam mir aufgrund seiner Größe nicht.

Die ersten Riesenprobleme gab es, weil die Züchter sehr große Bedenken hatten, einem behinderten Menschen einen Hund zu geben. Schließlich könnte der sich ja gar nicht richtig um den Hund kümmern …

Einen fertig ausgebildeten Hund würde ich mir nie leisten können, denn er ist nicht als Hilfsmittel anerkannt, und anders als beim Blindenführhund muß man, meines Wissens, die Summen von 25 000 bis 30 000 DM selbst aufbringen. Außerdem wollte ich möglichst viel selbst machen. Aber wie?

Was soll das denn sein?

Zur gleichen Zeit hörte ich zum ersten Mal etwas vom Clickertraining. Das, was mir am intensivsten im Kopf haften blieb, war: Das erwünschte /erhalten wird belohnt, und das unerwünschte wird ignoriert. Der erste Teil hörte sich gut an, aber der zweite?

Wie soll man denn ignorieren, wenn der Hund die Schuhe zerkaut oder Essen vom Tisch klaut? Ich war skeptisch, aber auch sehr, sehr neugierig geworden.

Noch am gleichen Tag gab ich den Namen, der mir in diesem Zusammenhang genannt wurde, in die Suchmaschine im Internet ein. Ich wurde auch fündig und gelangte in das Clicker Forum der Yorkie-Homepage. Dort konnte ich viel über das Clickern erfahren und auch Kontakte zu Leuten knüpfen, die ebenso “Clickerbegeistert” sind und mir Rat und Auskunft gegeben haben. Einige davon sind mir auch heute noch eine große Hilfe.

Am Anfang habe ich mich nicht getraut, etwas zu fragen, weil ich dachte, wen interessiert schon die Problematik einer Behinderten bei der Ausbildung ihres Hundes. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich eine Meldung von Klaus las, der auch behindert ist. Das brach das Eis und auch das Schweigen, und ich klinkte mich ein.

Der Dackel als Übungshund

Ich habe sehr schnell erkannt, welches Potential für Behinderte in dieser Ausbildungsmethode steckt. Felix, der inzwischen (April 1998) fünf Jahre alt war, wurde mein Übungshund.


Mit Felix fing alles an. Er zeigte überraschende Fähigkeiten.

Es war einfach überwältigend und faszinierend. Manchmal konnte ich es selbst kaum glauben, was ich da erlebte. Ich hatte es in fünf Jahren nicht geschafft, Felix zum Apportieren zu bringen. Egal, womit und wie ich es versucht hatte, und nun, nach nicht einmal drei Wochen, apportierte er mit wachsender Begeisterung. Wenn ich mal nicht zum Clicker gegriffen habe, um mit ihm zu üben, forderte er es beharrlich ein. Niemals vorher hat Felix mit Freude”Platz” gemacht, obwohl er nie mit barschen Methoden erzogen wurde. Jetzt schien es, als hätte ich einen anderen Hund. Viel leicht hatte aber auch der Hund eine andere Besitzerin?

Felix hebt mir inzwischen Gegenstände (zum Beispiel Stifte, Socken, Verpackungen und anderes) auf und gibt sie mir in die Hand. Seine Angst vor den großen Rädern des Rollstuhls hat er auch überwunden, so daß er sich nun auf die Fußstützen stellt, um mir die Gegenstände auch wirklich in die Hand zu geben. Er hat gelernt, daß es mir nichts nützt, wenn er sie vor meinen Füßen ablegt.

Felix ist mir wirklich eine Hilfe geworden; natürlich kann er mir nicht in allen Situationen helfen, dazu fehlt es ihm an Körpergröße und Kraft. Aber er kann helfen und hilft und hat selbst große Freude daran.

Ein Hindernis: Felix’ gute Nase

Wie jedes Ding hat auch dieses zwei Seiten: Ich kann ihn noch nicht dazu bewegen, auch draußen zu apportieren, da sind die duftenden Spuren viel zu verlockend. Aber wir arbeiten daran.

Es hat sich auch schon gezeigt, daß er in einer echten Notsituation hilft, obwohl er das in der Übungssituation nicht gemacht hat.

Inzwischen ist auch Enya bei uns eingezogen, eine Deutsche Schäferhündin. Sie kam im Juli 1998 im Alter von 12 Wochen zu uns und sollte eigentlich ein Patenhund sein. Wir wollten wirklich erst ganz sicher sein, daß wir zwei Hunden auch gerecht werden können. Einen Schäferhund als Behindertenbegleithund wollte ich eigentlich nicht haben. Das Image dieser Rasse ist nicht so toll, und ich hatte befürchtet, daß mir niemand helfen würde, mit Enya an meiner Seite. Die Angst vor dem Schäferhund wäre sicher zu groß. Aber eigentlich wollte ich doch einen Behindertenbegleithund, um wieder selbständiger leben zu können. Einsam genug und von der Außenwelt abgeschnitten war ich ja schon. Was nützte es mir da, wenn die Leute bei Enyas Anblick die Straßenseite wechseln.

Aber Enya entwickelte sich so gut, fing schon in der ersten Woche an, Hindernisse durch geschickten Umgang zu beseitigen, und begriff alles so schnell, daß sie uns sehr geeignet erschien für die vorgesehene Aufgabe. Außerdem hatte sie unsere absolute Zuneigung im Sturm erobert und noch dazu die der Nachbarn.

Enya bewährt sich


Enya bei der Arbeit (Schublade öffnen)

Zu unserem großen Glück bekamen wir das Angebot, Enya behalten zu dürfen, das wir auch freudig annahmen. Die Angst der Leute ist zwar da, aber nicht so groß, wie ich befürchtet hatte. Außerdem muß ich leider feststellen, daß mich seither niemand mehr umgerannt oder mir mit den Einkaufstaschen die Gehstützen weggedrückt hat. Das war vor Enyas Zeit die Realität. In unserer Gesellschaft ist nicht viel Raum für eingeschränkte Mitmenschen.
Im August 1998 fing ich an zu überlegen, ob ich nicht ein Clicker-Seminar organisieren könnte. Dann wäre es auch möglich, die Hilfe per Internet, Telefon und Briefverkehr persönlich zu erleben. Es war so ermutigend und erfreulich, daß Martin Pietralla sich nahezu sofort bereit erklärte, das Seminar zu leiten. Diese Unterstützung gab mir erst recht die Kraft und den Mut, so ein Seminar zu organisieren. Das Seminar war ein voller Erfolg und hat mich noch mehr überzeugt, daß wir auf dem richtigen Weg sind.

Das Clicker-Seminar

Dort habe ich eine Menge dazugelernt und viele nette Leute kennengelernt. Außerdem hatte ich auch die Möglichkeit zu sehen, was andere Hunde per Clicker gelernt haben. Vor allem aber auch zu sehen, wie freudig, locker und selbstbewußt sich die Hunde verhalten. An dieser Steile sei den Skeptikern gesagt, daß man sehr wohl auch mit einer Gruppe Hunde clickern kann.

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In der letzten Ausgabe der Hunde Revue berichtet eine behinderte Hundehalterin, wie sie mit Hilfe des, Clickertrainings – angewandt bei Teckel Felix und später bei der Schäferhündin Enya – eine neue Lebens qualität fand. Heute wird ein weiterer Behinderter in die Clicker-Erfahrungen einbezogen.

Enya ist jetzt fast acht Monate alt und hat schon einiges gelernt. Sie kann Schubladen und Schranktüren öffnen und auch wieder verschließen. Die Übung “Das Öffnen einer Schublade” habe ich angefangen, als Enya knapp sechs Monate alt war. Dazu habe ich ein Band am Griff einer Küchenschublade befestigt. Zuerst gab es für jegliches lnteresse an der Schublade C&B (Click und Belohnung). Als sie zuverlässig ihre Nase in Richtung Griff geschoben hat, habe ich nicht mehr geclickt. Das hat sie dazu gebracht, alles Mögliche zu versuchen, um ein C&B zu bekommen. Sie begann an dem Band zu knabbern, dafür gab es dann wieder C&B. Danach wurde die Anforderung noch mal erhöht, und ich habe erst geclickt, als sie an dem Band gezerrt hat. Sie hat zwar zwei- bis dreimal die Schublade aufgezogen, aber das war mehr aus Versehen und hat sie auch sichtlich überrascht. Der erste Schritt war getan. Das Ziel war noch nicht erreicht, aber ich hatte geschafft, was ich, im ersten Abschnitt, von ihr wollte, auch wenn sie es noch nicht verstanden hatte. Das Problem war, daß Enya das Band immer nach unten zog anstatt zu sich. Ich wußte auch nicht so recht, wie ich ihr klarmachen sollte, daß sie rückwärts gehen sollte. Einmal hat sie so richtig an dem Band gezogen, daß die Schublade aufging. Mit diesem Erfolgserlebnis und einem C & Jackpot wollte ich dann die Übung abschließen.

Felix mischt mit

Aber dann kam Felix, er hatte schon eine Weile den Clicker gehört und war ganz wild darauf mitzumischen. Er hatte uns eine Weile zugeschaut, und nun ließ ich ihn mal an das Band (das ich seiner Größe entsprechend verlängert hatte). Er hatte sofort begriffen, was er machen sollte, zog an dem Band, bekam einen Riesenschrecken, weil über ihm der Schatten der Schublade auftauchte, brachte es aber “mutig” zu Ende. Eine großartige Leistung! Enya hatte gut aufgepaßt und hat es danach auch immer richtig gemacht. Ich konnte noch am gleichen Tag ein Signal “pull” für die Handlung einführen. Insgesamt habe ich an dem Tag dreimal fünf Minuten gebraucht, um ihr das Öffnen der Schublade zu vermitteln. Enya hatte richtig Spaß dabei, und auch als wir längst aufgehört hatten zu üben, hat sie immer wieder die Schublade aufgezogen. Das Schließen der Schublade verlief nach dem gleichen Schema und hat auch nicht länger gedauert.

Hier steht Banner w200-rightHilfe durch das Clickern

Ich bin wirklich froh, daß ich zufällig etwas über das Clickern gehört habe. Sonst wären wir sicher noch nicht so gut. Mit sieben Monaten (11/98) kam das Öffnen und Schließen von Zimmertüren dazu. Das klappt zwar noch nicht immer so ganz, je nachdem, zu welcher Seite die Tür aufgeht. Aber es wird täglich besser, und sie lernt ständig etwas dazu. Es liegt noch eine Menge Pensum vor uns, aber ich bin da sehr zuversichtlich, daß wir es schaffen. Ohne Clicker wäre es sicher nicht gegangen, denn mit einer Behinderung kann man nicht so, wie es bei herkömmIichen Methoden ist, körperlich einwirken oder in eine andere Richtung weggehen, wenn der Hund auf Zuruf nicht kommt. Außerdem möchte ich nie mehr den Anblick eines selbstbewußten und so freudig arbeitenden Hundes vermissen. Natürlich kann ich nicht alles selbst machen, meine Familie hilft mir und unterstützt mich. Sie sorgt dafür, daß die Hunde auch ihren Bewegungsdrang befriedigen können, und mein Mann übt draußen mit Enya die Leinenführigkeit, das Kommen usw. Das korrekte Gehen am Rollstuhl üben wir gemeinsam. Unser Ziel ist es, daß Enya mit zirka einem Jahr die Begleithundeprüfung ablegen kann und später auch noch eine Prüfung für Behindertenbegleithunde. Dieses Ziel erfordert aber auch regelmäßiges Training. Enya und ich möchten deshalb andere Hundehalter um Unterstützung bitten, damit wir unser Ziel erreichen.

Bitte von Behinderten

Wir bitten Sie um folgends: Wenn Sie einen Hund im Geschirr am Rollstuhl laufen sehen oder bei einem offensichtlich behinderten Menschen, rufen Sie Ihren Hund zu sich. Sonst ist kein Training möglich. Wir wohnen nun mal in einem dicht besiedelten Land und sollten dementsprechend Rücksicht aufeinander nehmen. Der Behindertenbegleithund lernt, Artgenossen zu ignorieren, wenn er im Geschirr ist. Das ist natürlich eine sehr schwere Übung, um so mehr, wenn ständig die Verlockung in Form eines Artgenossen um den arbeitenden oder übenden Hund herumspringt.

Wir mußten schon mehr als einmal das Training abbrechen, weil es einfach nicht möglich war, für ein paar zusammenhängende Minuten mit dem Hund zu trainieren.

Ich kann Ihnen versichern, daß auch ein Behindertenbegleithund genügend Auslauf bekommt und auch Kontakt zu Artgenossen. Er ist nicht nur ein Hilfsmittel für den Behinderten, sondern sein Freund und Partner und wird genauso behandelt. Mit Enyas Hilfe werde ich eines Tages wieder ein (fast) freier Mensch sein und auch wieder allein das Haus verlassen können. Ganz sicher werde ich es ihr nicht danken, indem ich sie ihrer Freiheit und ihrer artgemäßen Bedürfnisse beraube. Ich bin sicher, daß ich da im Namen aller Behinderten und Blinden spreche, denen ein Hund zu mehr Selbständigkeit verhilft. Was dann noch dringend fehlt, um in dem gut ausgebildeten Hund eine Hilfe zu haben, wäre die Anerkennung als Hilfsmittel. Zumindest die Gleich-stellung mit dem Blindenführhund. Denn ich habe auch mit einem bestens ausgebildeten Hund keinen Rechtsanspruch darauf, den Hund überall mitzuführen. Ich darf nicht mit dem Hund einkaufen gehen, mit ihm ins Kino, Theater oder ähnliches. Es ist alles ein Kann, aber kein Muß. Der Lebensmittelhändler kann mich in seinen Laden lassen, muß es aber nicht. Für den Blindenführhund ist das kein Problem, ihn muß man dulden, das ist gesetzlich festgelegt. Für ihn muß man zum Beispiel auch in öffentlichen Verkehrsmitteln kein Fahrgeld bezahlen und auch keine Hundesteuer. Der Behindertenbegleithund beziehungsweise sein Besitzer ist aber immer in der Position des Bittstellers. Diese Ungleichbehandlung ist meines Erachtens nach gar nicht zu vertreten und gehört schleunigst abgeschafft.

Klaus und Ajax

Klaus Blezinger traf ich auf dem ersten Clickerseminar überhaupt, das durch eine private Aktivität in Frankfurt-Obertshausen die ersten Neugierigen zusammengeführt hatte. Damals hat sein noch junger Ajax ihn ganz schön durch die Gegend gezogen. Jedesmal, wenn ich die beiden wieder traf, hatten sie einen Riesenfortschritt gemacht. Natürlich hat Ajax seine Situation hemmungslos zu seinem Vorteil ausgenutzt. Aber da Beagles ausgesprochen liebenswürdige Hunde sind – Snoopy von den Peanuts ist ein klassischer Vertreter-, sind Situationen, in denen anderen Hundehaltern der kalte Schweiß auf die Stirn tritt, für Klaus und Ajax ziemlich locker zu sehen. Die Bedeutung einer Entwicklung ist aber immer völlig subjektiv von der Startsituation her zu bewerten. Darum hören Sie einfach Klaus zu, was er von seiner Hundehistorie erzählt.

Kommandos durchsetzen?

Vom Clickertraining las ich zum ersten Mal im Sommer 1997. Zufällig, wie wohl die meisten “Clicker-Fans”, geriet ich beim Surfen im Internet auf eine Seite, auf der merkwürdige Dinge zu lesen waren. Da sollte der Hund mit einem Knackfrosch erzogen werden? Unerwünschtes Verhalten sollte man einfach ignorieren? Kein Durchsetzen mehr des “Kommandos”, zunächst gibt man gar keines?


Ajax holt das Telefon

Man läßt den Hund mehr oder weniger das tun, was er will, und bestärkt nur das erwünschte Verhalten mit einem “Click” und einem Leckerchen? Und wozu überhaupt dieser “Click”? Zunächst war ich sehr skeptisch, hielt das ganze für ziemlichen Blödsinn. Vieles von dem, was ich in den letzten 15 Jahren über Hundeerziehung gelernt zu haben glaubte, stellte ein gewisser Martin Pietralla hier auf den Kopf, aber die ersten Rückmeldungen waren durchweg positiv, die Leute schienen richtig begeistert zu sein. Ich beschloß das Clickertraining mal mit meinem 13 jährigen Beagle “Wotan” auszuprobieren.

Ein neuer Gefährte

Leider kam ich nicht mehr dazu, denn eine Woche später mußte ich meinen Wotan, der schon längere Zeit an Krebs litt, in den Hundehimmel schicken lassen. Nun, leicht hatte ich es nie mit der Hundeerziehung, nur zu gut erinnere ich mich an Momente, in denen ich einem durchbrennenden Beagle hinterher schaute, an nächtliche Rundfahrten durch die örtlichen Wälder auf der Suche nach meinem Hund, an aufregende Momente bei Begegnungen mit anderen Rüden und nicht zuletzt an diverse Trümmerfelder in meiner Wohnung, die der Gute während meiner, meist kurzen Abwesenheit in einzigartiger Weise zu hinterlassen vermochte. Meine schwere Gehbehinderung machte die Sache nicht leichter, ich kann nur mit Hilfe zweier Stöcke gehen und das nur kurze Strecken, für Spaziergänge mit dem Hund benutzte ich ein spezielles Fahrrad.
Irgendwie haben wir uns im Lauf der Jahre doch arrangiert. Je älter er wurde, desto besser kam ich mit ihm klar, und wir hatten eine wunderschöne Zeit zusammen. So war die Leere, die sich plötzlich auftat, fast unerträglich, ein Welpe mußte wieder ins Haus. Doch so einfach war das gar nicht. Die Züchterin, die gerade einen Wurf anzubieten hatte, war zunächst sehr skeptisch, ob ich mit meiner Behinderung mit einem Beagle zurechtkommen werde. Hätte ich nicht in den vergangenen Jahren bewiesen, das es geht, hätte sie mir wohl keinen Hund verkauft. So aber zog im Herbst 97 Herold bei mir ein. Plötzlich war das Thema Hundeerziehung wieder brandaktuell, denn der Kleine, man glaubt es kaum, tat einfach, was er wollte, und Erinnerungen an längst vergangene Welpentage kamen wieder. Nun war ich nie ein Freund der negativen Einwirkung, ungern erinnere ich mich an die ein oder andere “Disziplinierung”, die ich für unvermeidlich hielt. Ich habe immer versucht, das Erwünschte mit positiver Bestärkung zu erreichen, mit Motivation und Belohnung. Doch in manchen Situationen geht es eben nicht anders, nicht mit einem Beagle, so glaubte ich. Das Clickertraining kam meiner Vorstellung von Hundeerziehung hier sehr entgegen, ich holte mir sämtliche Informationen aus dem Internet und fing an zu clicken.

Begeisterung durch Üben

Schon nach kurzer Zeit war ich begeistert, der Clicker löste eines meiner dringlichsten Probleme. Der Umstand meiner Gehbehinderung machte es mir immer schwer, auf meinen Hund einzuwirken, sei es positiv oder negativ. Beim Loben mußte ich erst mal die Stöcke aus der Hand legen, einen sicheren Stand suchen, um dann endlich meinen Hund für ein Verhalten zu loben, das er schon vor einigen Momenten gezeigt hatte – so ein Lob bringt nicht mehr viel. Strafeinwirkungen waren mir nahezu unmöglich, eine Wurfkette besaß ich zwar, doch meist verfehlte sie ihr Ziel auch wieder wegen mangelnder Standfestigkeit meinerseits; glücklicherweise, wie ich heute sagen kann. Das Ganze hatte aber noch mehr Brisanz, mein Hund konnte mich ohne weiteres zu Fall bringen, wenn er an der Leine zerrte oder mich plötzlich ansprang. Ein Knochenbruch wäre die wahrscheinliche Folge, denn ich habe die sogenannte “Glasknochenkrankheit”, und damit verbunden Operation, Schmerzen, langer Krankenhausaufenthalt und damit zwangsläufig die Trennung von meinem Hund. Eine traurige Vorstellung. Irgendwie hat mein Wotan doch gelernt, nicht mehr an der Leine zu ziehen, nach langer Zeit. Nun, mit dem Clickertraining ist die Situation völlig anders. Ich muß nicht mehr auf den Hund einwirken, ihn manuell korrigieren, ich soll es gar nicht mehr. Das Entscheidende ist der Zeitpunkt des “Clicks” vor der Belohnung, es bedeutet dem Hund: “Genau das ist es, wofür ich dich belohne!” Den Clicker habe ich immer in der Hand. Der kleine Herold (mittlerweile heißt er Ajax) hat diesen Zusammenhang blitzschnell begriffen, die Wirkung dieser zeitlich präzisen Bestärkung ist wirklich enorm. Die Wurfkette bleibt heute zu Hause, ich brauche sie einfach nicht mehr.

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Die Ohren signalisieren Respekt vor dem klapprigen Inhalt falls die Schublade zu weit aufgezogen wird

Das Clickertraining hat mittlerweile viel Zuspruch in der Hundeerziehung gefunden. Wie in den beiden vorhergehenden Ausgaben der Hunde Revue berichtet, können Behinderte -natürlich unter entsprechender Anleitung – mit der Click-and-treat-Methode ihre Hunde zu erstaunlichen Leistungen motivieren und ihr eigenes Selbstwertgefühl verstärken.

Klaus Blezinger berichtet: Im Frühjahr 1998 traf ich Martin und die anderen Clicker-Fans zum ersten Mal auf einem Seminar in Obertshausen. Ich hatte Gelegenheit, aus den Erfahrungen der anderen zu lernen. Martin gab mir wertvolle Tips und vermittelte uns einen gründlichen Einblick in die Theorie, die hinter dem Clickertraining steckt. Nicht zuletzt hatten wir eine Menge Spaß, auch eines der “Wesensmerkmale” des Clickertrainings. Ganz so einfach, wie es zunächst schien, war es aber dann doch nicht, ich mußte schon sehr viel an Informationen sammeln, viel lesen, mich mit den anderen austauschen, um die “Anfängerfehler” zu erkennen und zu vermeiden. Es hat sich gelohnt! Ich habe gelernt, Verhaltensänderungen des Hundes durch gezieltes “Shaping” zu formen und so das erwünschte Verhalten zu erreichen. Eine “Strafe” ist dazu nicht notwendig, ja, ich würde “Strafe” sogar als gewaltigen Nachteil empfinden, denn ich möchte erreichen, daß mein Hund beim Training kreativ und einfallsreich agiert. Natürlich darf er sich auch “falsch” verhalten, ja, er soll es sogar, denn er soll erfahren, daß dieses Verhalten für ihn keinen Gewinn bringt. Aber auch meine Einstellung zum Hund hat sich gewaltig verändert. Ich muß nicht mehr, wie früher oft geschehen, gegen den Hund arbeiten, meinen Willen gegen den seinen durchsetzen. Das ist immer kräfteraubend und frustrierend. Heute versuche ich meinem Hund zu vermitteln, daß es sich für ihn lohnt, meinem Willen zu folgen; was ich genau damit meine, signalisiert ihm der “Click”. Gerade beim Beagle, dem oft Sturheit und Dickköpfigkeit nachgesagt wird, besteht ein Konflikt. Wendet man zu große Härte an, besteht die Gefahr, den Witz und Einfallsreichtum dieses liebenswerten Hundes zu zerstören, das unendliche Vertrauen zu enttäuschen, oder man hat Zeit seines Lebens eben einen “relativ” gut erzogenen Hund. So jedenfalls habe ich das oft empfunden, der Clicker beseitigt dieses Dilemma gründlich.

Umgang mit neuem Wissen


Schublade schließen heißt: Pfote hoch…

Das Wissen um die Fähigkeiten, den “Leistungsstand” meines Hundes ist ebenfalls etwas, mit dem ich erst umzugehen lernen mußte. Überforderungen sind tödlich für die Freude am Lernen – ebenso wie Unterforderung, und zuverlässig wird ein Verhalten erst dann, wenn man die Ablenkung in wohldosierten Portionen einführt, an verschiedenen Orten übt, gegebenenfalls wieder einen Schritt zurück geht, schließlich nur noch ab und zu bestärkt, kurz: sich vor dem Training gründlich Gedanken macht.
Hier steht Banner w200-rightIm Lauf des Jahres kamen neue Clicker-Bekanntschaften dazu. So lernte ich Liane Thiemann kennen, auch sie ist schwer gehbehindert, kannte meine Probleme und hatte ebenso wie ich erfahren, daß das Clickertraining nicht zuletzt für uns behinderte Hundehalter ein riesengroßer Gewinn ist. Sie fing ebenfalls mit ihrem Dackel Felix an, das Clickertraining auszuprobieren, und war ebenso wie ich begeistert von den Erfolgen. Bald schon war uns klar, daß wir mit dem Clicker ein Mittel an der Hand haben, auch außergewöhnliche Dinge mit dem Hund zu üben,etwa die, die ein Behindertenbegleithund ausführt-eine wertvolle Erkenntnis für uns, denn allein die finanziellen Anforderungen für einen fertig ausgebildeten Behindertenbegleithund sind enorm. Die nächsten Seminare ließen nicht lange auf sich warten. Mit einem Freund veranstaltete ich selbst eines mit Helga Davies, und im Herbst traf ich Martin Pietralla in Bonn wieder. Liane hatte ihn eingeladen, beim örtlichen Teckelverein ein Seminar abzuhalten. Martin war angetan von den Fortschritten, die ich mit meinem Ajax in der Zwischenzeit gemacht hatte, und es tat gut zu hören, daß das viele Üben und Lernen mittlerweile Früchte trägt. Ich konnte wertvolle Anregungen mit nach Hause nehmen, beispielsweise die Idee, einen Laserpointer zu verwenden, um meinem Ajax Gegenstände zu zeigen, die er dann apportieren soll. Schon nach wenigen Tagen war es soweit, Ajax bringt mir nun nahezu jeden tragbaren Gegenstand, den ich ihm zeige. Er apportiert nun auch das Telefon, ein beruhigender Gedanke für mich, denn bei einem Sturz in meiner Wohnung könnte ich nun jederzeit Hilfe holen. Fähigkeiten wie Türen, Schränke und Schubladen öffnen, Gegenstände tragen, meine Stöcke holen und vieles mehr sind eigentlich nur eine Frage der Zeit, die Aussichten auf die Zukunft mit meinem Hund sind mehr als rosig. Längerfristig betrachtet hoffe ich auf zusätzliche Perspektiven. Gerne möchte ich auch anderen Menschen den Umgang mit dem “Clicker” näherbringen und konnte auch schon bei anderen Hunden und deren Besitzern bei Erziehungsfragen eine kleine Hilfe sein. Ajax ist nun 18 Monate alt und lernt zunächst mal zuverlässiges Verhalten im Alltag, all das, was eben ein gut erzogener Hund können sollte. Die kleinen Zusatzübungen im Hinblick auf eine eventuelle Ausbildung zum Behindertenbegleithund sind unsere Kür, die wir beide mit viel Freude laufen, das Salz in der Suppe sozusagen.

Ein Riesenerfolg


und zu mit Schwung!…

Für mich war das Clickertraining ein Hauptgewinn, und ich kann nur jedem Hundebesitzer, vor allem aber denjenigen mit einer körperlichen Behinderung, raten, es mal auszuprobieren. Viele Probleme, die damit verbunden sind, können mit dem Clicker gelöst werden. Nirgendwo steht geschrieben, daß Behinderung und Hund sich gegenseitig ausschließen. Clickertraining ist wirklich ein guter Weg, denn es schafft Vertrauen, genau das Vertrauen, das man als behinderter Hundebesitzer seinem Hund entgegenbringen möchte, wenn ein “Korrigieren” oder “Festhalten” sowieso nicht möglich ist. Das schönste dabei ist aber, es macht uns beiden, Ajax und mir, unheimlich viel Spaß und Freude. Was mich immer wieder beeindruckt, ist die hohe Kooperationsbereitschaft und der Erfindungsreichtum der Hunde, die bereits einige Erfahrung mit dem Clicker haben. Wenn ich gelegentlich sehr verhaltensarmen Hunden gegenüberstehe, die sich nicht mehr trauen, etwas zu tun (denn es könnte ja eine harte Einwirkung kommen), dann stimmt mich das traurig, nicht nur für die Hunde, auch für die Menschen. Sie verstellen sich die Chance zu erfahren, wer der Partner an ihrer Seite ist, wie emotional bereichernd ein Gemeinsamkeitsgefühl ist.

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