Arco und der Clicker

Kein Hilfsmittel kann Bindung ersetzen.

von Dr.Martin Pietralla

In den letzten zehn Jahren gab es erfreuliche Anderungen in der Hundeausbildung, zumindest in den Vereinen und bei den Hundehaltern, die Tradiertes kritisch hinterfragten.

Es ist keine Gefühlsduselei gefragt, sondern die Erkenntnis der Mitgeschöpflichkeit des Hundes. Er ist uns ähnlich und dennoch so anders. Ein weiterer Schritt war das ernsthafte Bemühen um die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse über das Lernverhalten von Tieren in der praktischen Ausbildung. Und wenn man die Erfolge sieht, macht es ausgesprochen Spaß, vor allem den Hunden, für die ihr Mensch immer weniger mißverständlich agiert. Einer der erfolgreichsten neuen Schritte ist das Clickertraining. Die Hunde Revue hat eine Vorreiterrolle gespielt. Ich wollte es seinerzeit wissen und bin nach den ersten verblüffend erfolgreichen Versuchen ins örtliche Tierheim gegangen und habe mir die “härtesten” Insassen zeigen lassen. Mit ihnen habe ich die Tragweite der Methodik getestet. Und glauben Sie mir, wenn ein Hund plötzlich Kooperativität zeigt, Anzeichen von entstehendem Vertrauen erkennen läßt, sich dem Menschen zu wendet, ist es bedrückend zu wissen, daß er am nächsten Tag eingeschläfert werden wird.
Aber lassen Sie mich einfach von Arko erzählen Der Hund, von dem ich berichten möchte, hatte es “besser” getroffen. Er lebte schon mehr als drei Jahre im Tierheim. Arko mied die Menschen, suchte Distanz und interessierte sich allenfalls für Futter. Fressen war zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden. Dennoch war er knochendürr. Sein Fell war schuppig und talgig-grau-schwarz. Eine Ohrspitze war abgebissen, sein Schwanz ein schmutziger Feudel. Arko war nicht schön, nicht nett, nicht interessant. Und alt war er auch, vielleicht acht Jahre. Er hauste im vorletzten Zwinger in der hintersten Ecke. Dahinter kam nur noch Ricci.


Viktor hatte grosse Fortschritte gemacht

Arkos Geschichte

Ich wurde auf ihn aufmerksam gemacht, nachdem Viktor (über Viktor wurde in der Hunde Revue Ausgabe 8 und 9/97 berichtet) so große Fortschritte gemacht hatte: “Schauen Sie doch einmal nach Arko, der hat so tote Augen, schaut niemanden mehr an, als ob er mit der Welt abgeschlossen hätte.” Und so war es. Er kam bestenfalls einige Schritte aus seinem Innenzwinger, schaute nicht hoch, sondern drehte gleich wieder ab, sobald er einen Menschen bemerkte. Was konnte er von ihm schon erwarten! Für jemanden, der mit dem Bauch voll Tierliebe daherkam, war er ein höchst ungeeigneter Partner. Darum kümmerte sich auch nie jemand um ihn, auch nicht an Besuchstagen. Arkos Geschichte ist schnell erzählt. Er gehörte einem Alkoholiker, der versucht hatte, ihn auf Menschen “scharf” zu machen. Der Erfolg spricht für Arkos Charakter, er biß schließlich zu, nicht das “Opfer”, sondern seinen Halter. Daraufhin wurde er in eine Hundeschule gegeben, um ihn professionell erziehen zu lassen. Diese vermittelte ihn nach geraumer Zeit ins Tierheim mit der Bemerkung, er sei nicht erziehbar. Er galt zwar als ruhig, doch er warnte knurrend, sobald sich ihm ein Mensch näherte. Und er schnappte auch von hinten. Er galt als unberührbar. Keiner mochte zu ihm hineingehen, und so ließ man ihn mehr und mehr links liegen, gab ihm Futter und Wasser und das war es. Und eines Tages hatte Arko tote Augen.

Ein Geduldspiel beginnt

Meine Motivation hielt sich sehr in Grenzen, aber ich kam der Bitte nach, mich mit Arko zu beschäftigen. Ihn konnte ich nicht auf den Clicker konditionieren. Er verschwand einfach, wenn ich an seinen Zwinger trat. Also wandte ich die Hänsel-und-Gretel-Methode an, legte durch seinen Außenzwinger eine Futterspur direkt von seiner Zwingertür bis zur Tür des Freilaufgeheges. Ich selbst verbarg mich hinter einem Busch. Arko roch das Futter, kam vorsichtig zum ersten Bröckchen. Ich clickte nicht, sondern wartete, bis er es aufgenommen und die ganze Spur abgearbeitet hatte. Beim dritten Mal gab es einen stark gedämpften Click aus der Jackentasche, immer wenn noch wenige Zentimeter zum Futterbröckchen fehlten. Ich wußte ja nicht, wie er auf unbekannte Geräusche reagieren würde. Zunächst verschwand er wieder, und ich mußte die Spur oft neu legen, bis er sich nach und nach bis an die Außentür des Zwingers wagte. Jedes Futterstückchen wurde nun mit Click verknüpft. Er schaute dabei nie hoch. Ganz allmählich gelang es, ihn aus seinem Außenzwinger in das Freilaufgehege zu locken. Als ich mich ihm nähern wollte, begann er unmißverständlich zu knurren. Er nahm ein hingeworfenes Leckerle auf und verschwand für die nächste Zeit sofort wieder in seinem Innenzwinger.

Hier steht Banner w200-rightErste zaghafte Erfolge

In einem sehr, sehr vorsichtigen und “scheibchenweise” fortschreitenden Shaping brachte ich ihn dazu, meine Nähe Zentimeter um Zentimeter zu dulden, bis er das erste Mal ganz langsam ein Futterstückchen aus der flachen Hand nahm. Dazu lockte ich ihn durch die Futterspur näher und näher. Wenn er zögerte, ohne wegzulaufen, wenn er verharrte, wenn er einen Schritt näher kam, gab es ein Click und ein weiter weg geworfenes Futterstückchen. Er durfte es aufnehmen, und vor allem konnte er sich dabei von mir entfernen! Das kam seinem Sicherheitsbedürfnis entgegen. Normalerweise hätte man die Stückchen immer nur näher gelegt. In diesem Stadium ist aber das Sicherheitsbedürfnis viel größer als die Motivation, Futter zu bekommen. Sicherheitsgefühl ist ein sehr wirksamer Bestärker. Der nächste Schritt war das zunehmend längere Verharren in meiner unmittelbaren Nähe, bevor es ein C & B (Click und Belohnung) gab. Nachdem das gut klappte, begann ich mich zu bewegen, während er in meiner Nähe war, allerdings etwas weiter weg als beim Verharren. Ertrug er das, ohne wegzulaufen, wurde er mit C & B bestärkt. Dann begann ich, aktiv auf ihn zuzugeben. Lief er nicht weg, gab es C & B, lief er weg, begab ich mich in Warteposition und bestärkte ihn dafür, wieder näher zu kommen. Dann begann der nächste Versuch. Und irgendwann folgte das ganz ruhige Hinführen meiner Hand in Richtung seines Kopfes. Er zuckte nicht sogleich zurück, C & B! Schließlich berührte ich von vorn nach hinten streichend seine Lefzen, C & B. Damit war der Bann gebrochen, weil es eine Beruhigungsgeste ist. Der unsichere Hund, der Welpe, beide stoßen dem selbstsicheren Partner vorsichtig die Schnauze an die Lefze. So konnte ich ihm in der ihm verständlichen Weise sagen, daß ich nichts Böses vor hatte, ihm freundlich gesonnen war. Und das wirkte tiefer und sicherer als alle tierlieb gemeinten Beruhigungsreden. Daß ich dabei meine “Alpha-Stellung” in Frage stellte, kann man getrost verneinen. Man beobachte nur einmal die beruhigenden Signale eines selbstsicheren Hundes bei einer Begegnung mit einem ängstlichen!


Arco bemerkt einen Menschen…

Sicherheitssignal Clicker

Bei diesem langsamen Desensibilisierungsprogramm leistete der Clicker unschätzbare Dienste, da er nebenbei als Sicherheitssignal konditioniert wurde und wirkte (Sicherheitssignale sind in der Forschung wohlbekannt). Ich mußte mich Arko ja nie aufdrängen, fast immer entfernte ich mich und ließ ihn nachfolgen. Er überwand die Distanz, nicht ich. Und nach dem Click gab es nur Positives im Zusammenhang mit einem Menschen zu erfahren. Click bedeutete nicht nur “Futter kommt gleich”, Click bedeutete für ihn vor allem “Es wird nichts Unangenehmes geschehen”! Mit freundlichem Zureden hatten es vor mir schon genügend andere Menschen vergeblich versucht. Eines Tages war Arko soweit, daß ich die Leine an seinem verschlissenen Halsband befestigen konnte. Die neuen Gerüche, die er erschnupperte, nachdem er das Tierheim verlassen hatte, waren das reinste Rauschmittel für den Hund. Auch er zog an seinem ersten Spaziergang seit jahren kräftig an der Leine. Im Gegensatz zu Viktor konnte man diesen stark futterorientierten Hund sehr schnell zu einem anständigen Laufen ohne Zug, bald auch meterweise “bei Fuß”,veranlassen. Doch das war nur für den eigenen Komfort und nicht weiter wichtig. Wichtig war die “Komm”-Übung mit Arko. Es ist die wichtigste Fertigkeit überhaupt: zu kommen, wenn man gerufen wird. Diese Übung erfolgte zunächst an der Drei-Meter-Leine. Arko wurde beim Namen gerufen, und ich zeigte ihm die flache Handfläche. Reagierte er auf den Namensruf, C & B. Er holte sich das Leckerle ab, das er aus der gezeigten Hand er-hielt. Dann verzögerte ich zunehmend das Guck nach dem Namensruf, wenn Arko von selbst kam. Und so wurde allmählich der Name mit dem Handzeichen zu einem “Komm”-Signal. Der Hund wurde aber nie, nie an der Leine herangezogen! Er war ja kein Fisch an der Angel.

Ablenkungen einbauen

Dann führte ich die gleiche Übung mit der Zehn-Meter-Leine aus. Und diese Übung wurde an allen möglichen und unmöglichen Orten wiederholt, bis sie sicher war. Band ich die Leine an einen Pfahl, so konnte Arko sich nach der einen Seite entfernen, ich selber nach der anderen, und er kam aus der doppelten Entfernung. In dieser Situation konnte ich auch Ablenkungen einbauen. Ich konnte die Übung ausführen, während Menschen vorbeiliefen, ein anderer Hund sich näherte. War das sattelfest, dann konnte man die Zehn-Meter-Leine als Schleppleine benutzen und das gleiche üben. Wie bei Viktor benutzte ich auch bei Arko das gemeinschaftliche Hinlaufen zu einem “HotSpot”, einem besonders beschnüffelnswerten Ort, als Bestärkung nach einem Click für das Kommen. Das wurde bei Arko ebenso zuverlässig wie bei Viktor. Das Kommen erweist sich vor allem dann als eine problemlose Übung, wenn der Hund ein “Nein” versteht. In Arkos Fall brauchte ich das nicht zu konditionieren. Das saß noch tief und fest in ihm drin. Ein Alternativverhalten, “Komm” und “Sitz”, kräftig belohnt, machte ihm die richtige Entscheidung leicht und angenehmer.


…er wendet sich ab…

Entscheidungslernen

Die richtige Wahl zu bestärken ist eine langfristig sehr erfolgreiche Strategie, vor allem, wenn ich das eigentliche Motiv des Hundes anschließend als Bestärkereinsetze. Es ist für ihn absolut unnötig, das “Nein” nicht zu befolgen, wenn es ihm keinen dauerhaften Entzug bringt, er ja durch ein zunächst gezeigtes anderes Verhalten doch zu seinen Favoriten gelangt. Nur muß ich das mit ihm üben, wo es mir eigentlich egal ist! Das Wahlverhalten ist das Thema. Und wenn das sitzt, kann ich zu variabler Bestärkung übergehen. Nach dem “Nein” und der richtigen Entscheidung geht es einmal nicht zum Hot Spot. Wir lassen ihn einmal aus! Genau das ist es, was wir im Alltag ja brauchen, wenn Arko einmal nicht zum anderen Hund Kontakt haben soll, eine Stelle nicht beschnüffeIn soll. Arko erwies sich mit fortschreitendem Training als ein ausgesprochen angenehmer Begleiter, der nur einen Fehler hatte. Er durchstöberte alles, was nach Fressen roch. Er fraß alte Essensreste samt der Pappe. Sein Renner aber waren faulende Äpfel. In Tierheimnähe befand sich ein ausgedehntes Schrebergartengebiet, und ich merkte nicht immer sofort, wenn er unter einem Zaun durch einen schmalen Spalt einen Garten aufsuchte. Meine Diagnose mag falsch sein, aber vielleicht war Arko alkoholsüchtig. Alkohol wird von gärendem Obst entwickelt. Er hat ihn mit Sicherheit gerochen. Arko erwies sich mit anderen Hunden als gut verträglich. Wenn ich mit ihm ging, konnte ich manchmal einen regelrechten Haß auf die Menschen bekommen, die es schaffen, einen solch kooperativen Hund so ins Abseits zu stellen. Arko, der sich zu einem angenehmen, gut gehorchenden Hund entwickelte, blieb unter dem Label “gefährlich und schwierig” Tierheiminsasse.

Bürsten und Zecken entfernen lassen.

Einmal trat er sich einen Dorn in den Fuß. Den wollte er sich partout nicht anfassen lassen. Ein Shaping war fällig. Ich hatte aber nur noch fünf Leckerle dabei. In noch kleinere Stücke zerteilen ging nicht. Also gab es – ausnahmsweise – nur bei jedem zweiten Click ein Futterstückchen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dann zog ich ihm beherzt den Dorn. Das war nun eine recht starke “subtraktive” Bestärkung für sein geduldiges Stillstehen, während ich sein Bein anfaßte und am Fuß herumhantierte.

Wir üben weiter

Schließlich konnte ich ihn neben dem Fahrrad führen, und nach etwa drei Monaten begann ich, ihn phasenweise frei laufen zu lassen. Er kam – immer wieder geübt – auf Ruf äußerst zuverlässig, ließ sich nach entsprechender Übung auch in der Entfernung absetzen, und ich konnte auch quer durch den Wald mit ihm fahren. Er zeigte bei mir keine Ansätze zur Jagd. Es machte richtig Spaß. Er bekam nach und nach ein ansehnlicheres Fell. Seine neu erwachte Aufmerksamkeit ließ
ihn manchmal regelrecht pfiffig erscheinen. Und eines Tages sagte wirklich ein Passant: “Das ist aber ein netter Hund!” Ich weiß eigentlich nicht, warum, aber ich war richtig stolz für Arko. Schließlich übernahm ihn eine mit dem Clickertraining vertraute junge Frau, um mich zu entlasten. Bald nahm sie ihn in ihrem Auto mit. Der Bann “gefährlich” war gebrochen. Als sie einen Unfall hatte und für Wochen ausfiel, kümmerte ich mich wieder um ihn. Dabei geschah es, daß Tina mit ihrer Meute von fünf Hunden, die sie regelmäßig ausführte, das Tor blockierte. Mir kam spontan die Idee: Probieren wir es doch gemeinsam! Und es klappte auf Anhieb. Arko fand auch schnell eine ältere, zu ihm passende Hundefreundin. Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Arko war jetzt neun Jahre alt und inzwischen bald vier Jahre im Tierheim. Zum ersten Mal konnte
er streßfrei mit anderen Hunden regelmäßig die Gegend durchstreifen. Er hatte Unterkunft und Futter, und wenn man mit dem Clicker übte, wurde auch sein Kopf beansprucht, was ihm ganz offensichtlich gefiel. Und er hatte wieder ein positives Verhältnis zu Menschen bekommen. Er begrüßte die ihm vertrauten und ging sogar aktiv neugierig auf Fremde zu, was zuvor undenkbar war.

Die letzte Chance

Arko war ein Opfer der Doktrin, daß sicherer Gehorsam sowieso nur zu erzielen sei, wenn man dem Hund nachdrücklich sagt, wo es lang geht, wer das Sagen hat, wer der Boss ist, und das auch noch mit entsprechend rüden Methoden, die auch heute noch längst nicht ausgestorben sind. Arko hat diesen ganzen harten Weg gehen müssen und ist im Abseits gestrandet. Ich muß gelegentlich hören, Clickertraining tauge zwar für Kunststückchen sei


…und will zurück in seinen Zwinger.

aber nichts für den Alltag. Für Arko war der Versuch mit dem Clicker seine letzte Chance. Er konnte danach zwar kein einziges Kursststückchen, aber wenn ich sagte “Arko, komm!”, dann kam er, und er wußte, wo es jetzt lang ging: dahin, wohin seine Rudelchefin ging. Manchmal sah ich die ganze Meute von weitem. Arko wirkte selbstbewußt. Seine Rute wehte wie eine Fahne im Wind. Sein Fell hatte neuen Glanz bekommen. Mit seiner abgebissenen Ohrspitze wirkte er regelrecht keß. Arko lebte wieder als Hund. Für Außenstehende, die ihn kannten, wirkte es wie ein Zauber.

Arkos Ende

Meine nächste Begegnung mit Arko war traurig. Man bat mich, ihn zum Tierarzt zu bringen, weil er stark abgemagert war. Wieder half der Clicker, ihm einen Maulkorb anzulegen und sich Blut abnehmen zu lassen. Arko hatte sich von mir ohne zu zucken oder zu murren auf den Tisch heben lassen. Ich hatte ihn auf den Arm nehmen können, er hatte sein Vertrauen behalten. Das Ergebnis der Untersuchung und der nächste Hilferuf kamen gleichzeitig. Arko fraß nicht mehr! Das war geradezu unvorstellbar. Und er war krank, sehr krank. Zu lange war er der dürre Arko im hintersten Zwinger gewesen, zu dem man den Tierarzt erst gar nicht mehr geführt hatte, weil der ihn ja sowieso nicht hätte untersuchen können. Daran hatte sich auch nichts geändert, als Arko seine Umgänglichkeit längst bewiesen hatte. So fuhren wir wieder in die Praxis. Arko mochte nicht mehr ins Auto hinein- oder aus ihm herausspringen, ich mußte ihn tragen. Nach Abwägung aller Umstände entschlossen wir uns, ihn einzuschläfern. Das tat weh. Wir warteten noch, bis seine Betreuerin gekommen war. Obwohl Arko völlig erschöpft


Mit seiner abgebissenen Ohrspitze wirkte er regelrecht keß. Arko lebte wieder als Hund

auf einer Matte lag, erkannte er sie sofort. Er hob den Kopf und begrüßte sie, Arko, der früher keinen Menschen mehr angeschaut hatte. Einen Maulkorb brauchten wir nicht mehr. Arko hatte sich ganz entspannt und vertrauensvoll in meine Arme gelegt. Als die Spritze zu wirken begann, schaute er etwas irritiert auf die Einstichstelle. Sein Sterben war so leise, wie es sein Leben gewesen war. Zwei Menschen, die seine letzte Zeit so positiv gestalten konnten, waren bei ihm. Sie heulten wie die Schloßhunde. Sie hatten hautnah erfahren, wie schnell und wie eng eine gegenseitige Bindung mit einem Hund entstehen kann, mit dem man ausschließlich positiven Kontakt hat. Dazu bedarf es keiner großartigen Tierliebe und keines esoterischen In-sich-hin-ein-Horchens. Der Respekt vor dem so anderen Lebewesen Hund und das Umsetzen unserer Kenntnisse über tierisches Verhalten sind die Grundlage. Der Clicker ist kein Problemlöser per se, aber er kann eine ganz wesentliche Brücke sein, einen Hund von der Insel seiner Isolation zu befreien, auf die ihn Aggressivität und Furcht- Folgen des Selbsterhaltungstriebes – und vor allem menschlicher Unverstand verbannt haben. Wir konnten uns damit trösten, daß Arko vor seinem Lebensende eine geraume Zeit wieder als richtiger Hund leben durfte. Das allein war schon alle Mühe wert gewesen. Warum ich Ihnen diese rührselige Geschichte erzähle? Weil sie von vorn bis hinten wahr und nachprüfbar ist. Weil sie zeigt, daß man den Hund nicht zu einem Automaten degradiert, wenn man einen Clicker benutzt; weil sie zeigt, wie sinnvolles Clickertraining hilft, wenn alleTierliebe aufgegeben hat. Und ganz besonders, weil sie zeigt, wie Bindung entsteht: durch gemeinsames positives Erleben.
Wer einen Clicker in die Hand nimmt und meint, alle Probleme seien sogleich gelöst, liegt schwer daneben. Der Mensch ist in der Verantwortung, er muß Verständnis für den Hund haben. Und das schließt Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft zur drastischen Änderung des eigenen Verhaltens ein.

Hier steht der Banner W336