Tarik - Der Anfang der Geschichte (Kapitel 1), + Kapitel 2 + Kapitel 3

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Tarik - Der Anfang der Geschichte (Kapitel 1), + Kapitel 2 + Kapitel 3

Beitragvon Leonie » Sa 23. Aug 2008, 22:19

Tarik von Armida:

ICH, TARIK, ALTON-TERRIER UND KÖNIG

Das richtungsweisende Werk
eines begnadeten Hundes

- Gewidmet den Hunden der Welt und ihren Menschen, auf dass sie lernen, sich besser zu verstehen.-


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e-mail: www.monatarik@terra.es

Der Verlag dankt Seiner Alton-Königlichen Majestät, dem König von Tomahna und Rector Splendidus der Universität zu Armida, Tarik von Armida, für diese epochale Fassung seiner frühen Memoiren.

Der Verlag dankt ebenso dem Königlichen Archiv zu Tomahna für die freundliche Überlassung der Abbildungen.

1. Der Anfang der Geschichte

Als ich geboren wurde, war ich, wie alle Welpen, süss, blind, tolpatschig, dumm und rundherum anbetungswürdig. Dieses denkwürdige Ereignis fand in einem griechischen Restaurant in der südspanischen Gegend von Tarifa statt, in dem meine heimlose, hochschwangere Mutter zwecks Entbindung eingekehrt war. Es war eine gute Wahl, denn ich habe in Erfahrung gebracht, dass sie immer noch dort lebt und glücklich ist.

Man sagte mir, dass meine Brüder und Schwestern, und ebenso meine Mutter, ganz anders aussehen würden, als ich, und dass man über meinen Vater absolut nichts wisse. Aber ich bin kein Biologe, der so etwas wissenschaftlich korrekt erklären könnte. Vielleicht bin ich ein Mutant. Aber ich greife der Geschichte und meinen späteren Erkenntnissen voraus.

Kaum hatte ich die Augen offen, wurde mir klar, dass ich mir einen Menschen anschaffen musste, und zwar bald, denn gute Menschen sind Mangelware, man muss sich also sputen und Mühe geben!
Die Wirtsleute des Restaurants, alles Griechen, waren zwar wirklich sehr liebe Leute, die sich meiner Mutter und ihrer Welpen rührend annahmen, aber mit so einem Haufen Hunde, wie meine Mutter zur Welt gebracht hatte, waren sie überfordert, man muss das ganz klar sehen. Also hiess es für mich, den Blick auf Fremde, wenn nicht gar in die Ferne richten.

Die ersten ungriechischen Menschen, die ich sah, waren Lieferanten und Gäste, aber die habe ich sofort als für mich absolut unzureichend ausgesondert. Mir war klar, dass ich etwas ganz besonderes brauchte und auch verdient hatte! Aber mir war auch klar, dass ich in die weite Welt hinaus musste, um die mir zustehende Karriere beginnen zu können. Also schloss ich mich Jianni, dem Restaurant-Sohn an, der eine liebe Gefährtin namens Kiki hatte. Diese beiden Menschen waren zwar bereits das feste Eigentum von zwei Hunden, aber es war für mich die geeignetste Gelegenheit, um die Welt zu sehen, denn sie lebten in San Pedro Alcántara, das schlappe 80 Kilometer von Tarifa entfernt liegt. Diese liebe Gefährtin Kiki war natürlich sofort und total in mich verknallt, und nannte mich "Tarifa", nach meinem Geburtsort, ein denkbar unpassender, weil feminin klingender Name. Zu alledem fand sie, ich wäre dreckig (gar nicht wahr, es war lediglich Edel-Patina), und vollzog an mir eine unglaublich brutale Tat: sie badete mich! Patina adieu! Danach war mir klar: Hier ist ein Hund zuviel, und zwar ICH!

Einige zögerliche Versuche, durchaus nette, aber denkbar unpassende Leute an mich zu vermitteln, habe ich kurzerhand unterbunden, indem ich in die entsprechenden Wohnungen pinkelte, Kinder anknurrte, oder italienische Schuhe zerfetzte. Nicht, dass ich es gerne getan hätte, besonders die italienischen Schuhe schmeckten abscheulich, aber was tut man nicht alles, um zu dem nötigen und einem zustehendem Erfolg zu kommen, und sich eine angemessene Position in Welt und Leben zu sichern? Und hinzu kommt noch, dass man trotz aller dieser ausgesucht unschönen Taten (oder ausgewählt schönen Untaten?) stets den allgemeinen Eindruck hinterlassen muss, ein ganz aussergewöhnlich lieber, kultivierter (allenfalls etwas lebhafter) Hund zu sein, dem zu gefallen eine höchst erstrebenswerte Ehre für jeden Menschen ist.

(Fortsetzung folgt)
Leonie
 
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Beitragvon Ute&Jessie » So 24. Aug 2008, 11:02

Tarik,

deine Geschichte ist klasse!
Sie klingt aber totaaaal grausam....
So lang ohne eigenen Mensch, das kann ja nur grausam sein.

Ich habe das gleich von Anfang an gaaaanz anders gemacht. Ich habe mir nämlich gleich noch am Tag meiner Geburt meinen Mensch ausgesucht, jawoll. Das war meine erste große Tat, da war ich grademal 12 Stunden alt, da hatte ich meine Mama schon fest in der Pfote!

Aber erzähl weiter, ich bin ganz Ohr - und ich hab große Schlappohren

deine Jessie
(genauer: Sandy Creek Chestnut Jessie)

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Tarik-Der Anfang der Geschichte (Kapitel 1, 2. Teil)

Beitragvon Leonie » Mo 25. Aug 2008, 05:55

Eines Tages kam eine nette Frau zu Besuch daher, aber sie war nicht sicher, ob sie sich von mir einnehmen lassen sollte. Mir schien: eher nicht. Aber es war mir sofort klar: DIE oder nur eine wesentlich Geringere! Und da ich nur das Allerbeste für mich brauchen konnte, liess ich alle meine Fähigkeiten spielen. Ich sorgte dafür, dass sie bei meinen fröhlichen Spielchen mit den anderen Hunden immer in meiner Nähe war, zwar ganz unauffällig, so in vier bis fünf Metern Abstand, auf jeden Fall so, dass sie mich und meine anmutigen Bewegungen bewundern konnte. Ich überwachte und beobachtete sie stets aus diskreter Entfernung, damit sie sich an mich und meine hinreissend imposante Erscheinung gewöhnen konnte.

Gelegentlich zog sich diese nette Frau in einen hässlichen, weiss gekachelten Raum zurück, wobei sie offensichtlich darauf achtete, dass sie alleine drin war. Was sie da tat, habe ich nie erfahren, aber wohl, dass es da drin ganz abscheulich nach Blumen, Seife und anderen ähnlichen Un-Gerüchen stank. Manchmal wechselte sie dort auch ihr bis dahin reichliches Fell und kam mit einem wesentlich keineren heraus, das alle ihre Beine frei liess; sie nannte es - so glaube ich verstanden zu haben - einen Badeanzug. Als ob Anzüge baden wollten!

Es war vielmehr sie selbst, die sich dieser anrüchigen Tätigkeit in dem kleinen See im Garten hingab, und sich - zum Glück stets erfolglos - zu ertränken versuchte. Sie ging sogar mit dem ganzen Kopf unter Wasser! Das war besonders schlecht, weil sie dann mich und meine elegante Gestalt nicht bewundern konnte, denn ich hielt mich natürlich stets an dem Uferteil auf, der ihr am nächsten war, um im Fall eines sogenannten Bade-Unfalles sofort Hilfe leisten zu können.

Natürlich merkte ich, dass sie von meinem charmanten Anblick sehr wohl angetan war, aber so richtig überzeugen lassen wollte sie sich immer noch nicht. Also wurde ich einfach krank, sofort und auf der Stelle.
Da Kiki und Jianni sich wegen ihrer gerade reichlichen Arbeit nicht um einen kranken Welpen kümmern konnten, übernahm die liebe Frau aushilfsweise die ehrenhafte Arbeit, mich gesund zu pflegen. Die Krankheit selbst und ihre Gefährdung meiner Gesundheit tun nichts zur Sache, aber sie hat sich gelohnt, weil jene nette Frau nunmehr vollkommen überzeugt war, mich pflegen und retten zu müssen.
Das tat sie denn auch, und ich ging mit ihr zielbewusst meiner strahlenden Zukunft entgegen. Und nichts anderes hatte ich im Sinn!-

Anmerkung von Tarik´s Menschen:
Er hatte eine Parvo-Virus-Infektion, an der er fast gestorben wäre.

PS: ich habe den Text hinter den anderen geschoben.
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Früh erkannte Ziele (Kapitel 2)

Beitragvon Leonie » Mi 3. Sep 2008, 17:07

Schon damals fiel es mir auf, dass ich eine Gabe habe, die den meisten, sogar praktisch allen anderen Hunden fremd ist: Ich kann Gedanken lesen, und auch die Gedanken bestimmter Menschen beeinflussen. Viel später hat diese nette Frau (ich werde sie der Kürze halber "Mammi" nennen, das hat sie gern...) aus gelehrten Büchern erfahren, dass es auf einem Planeten namens "Darkover” Menschen (und natürlich auch Hunde) gibt, die über telepathische Fähigkeiten verfügen. Darunter gibt es solche, die Gedanken auch ohne Willen und Mitwirkung der anderen Zeitgenossen lesen und eingeben können. Dies ist die Familie oder Clan der Alton, die hochgeachtete Aristokraten sind. Und da ich ohne den allergeringsten Zweifel über diese Fähigkeit verfüge, muss auch ich ein Alton sein, und somit ein hoher Aristokrat.

Übrigens wird auf jenem Planeten Darkover ein unbekannter Vater keineswegs als ein Manko angesehen, meist heisst es dann, man wäre "ein Kind der vier Monde”. Darkover hat nämlich vier Monde, die nur zweimal im Jahr gleichzeitig sichtbar sind, und dann der Anlass zu grossen Festen sind.
Wahrscheinlich bin ich während oder nach eines solches Festes mittels einer Sternschnuppe auf die Erde gekommen, was ein ebenso romantischer wie meiner Aristokratie bestens angemessener Ursprung ist. Das würde ja auch erklären, warum ich so anders aussehe, als meine Geschwister...

Doch zurück zu meiner edlen Person! Mein Äusseres ist makellos, ich bin elegant, anmutig, würdevoll, athletisch, kurz: ein Bild von einem Hund. Zwar entspreche ich nicht genau dem einen oder anderen von unbedarften Menschen definierten Hunde-Rassen-Standard-Ideal-Bild, und einen sogenannten Stammbaum mit allen meinen wirklichen, vermuteten oder angeblichen Ahnen habe ich auch nicht, weil die Sternschnuppe, die mich von Darkover nach Tarifa brachte, es eilig hatte, jedenfalls konnte ich keine Auszüge der Adelsregister mitnehmen, was dazu führt, dass unwissende Menschen mich als einen Mischlingsköter bezeichnen.
Doch wahrer Adel beruht nicht auf Papier, und man kann und muss auch als aristokratischer "Welpe der vier Monde" souverän über solchen Dingen stehen, die meiner eindrucksvollen Erscheinung auch keinerlei Abbruch tun: 42 cm Schulterhöhe, 12 kg Edelgewicht, schwarz-lohfarben, mit weissen Abzeichen an Heldenbrust, Pfoten und Kehle. Mein Schwanz, üblicherweise stolz wie eine Flagge über meinem Rücken getragen, wird ab bestimmten hohen Geschwindigkeiten waagerecht nach hinten gestreckt, was meine aerodynamische Stabilität spürbar erhöht. Offenbar gibt es sogenannte Terrier, Angehörige einer ganzen Gruppe von Hunderassen, die mir entfernt ähnlich sehen, also nenne ich mich einen Alton-Terrier. Und da ich keinen aristokratischeren Hund gesehen habe oder von ihm Kunde erhielt, als mich selbst, bin ich König von höchst eigenen Gnaden. Wenn Napoleon Bonaparte sich selbst krönen konnte, kann ich das erst recht!

Aber ich schweife ab, das kommt halt davon, wenn ich über meine äusserst bemerkenswerte, vielseitige Persönlichkeit referiere. Also zurück zur eigentlichen Geschichte:
Offenbar sah meine Krankheit schlimm aus, und ich fühlte mich auch recht mies, denn ich hatte damals noch keine besondere Übung im Dosieren solcher Dinge. Und so geschah es, dass diese Mammi genannte, bis dahin nette Frau mich einfach in eine Hundeklinik verschleppte! Na ja, es war wohl gut gemeint, aber überflüssig wie ein Schwanzband. Die Bediensteten der Klinik kümmerten sich zwar rührend um mich (klar, so wie es mir eben zustand), aber langweilig ist es trotzdem in so einer Klinik, jedenfalls viel langweiliger, als ich es ertragen konnte. Also wurde ich schleunigst gesund, und als Mammi in die Klinik kam, flüchtete ich ein wenig, fast nur symbolisch, gewissermassen zur Strafe, damit sie nie wieder so etwas tut! Sie blieb auch fortan bei mir, wie sich das so gehört.

Ich sorgte umgehend, dass mein Name angemessen adaptiert wurde: aus dem femininen Tarifa wurde Tarik, das ist der Name von dem maurischen Fürst, der im Jahr 711 nicht weit von Tarifa landete, um das damals westgotische Spanien zu erobern. Ein schöner, ausserordentlich guter, aristokratischer Name für einen schönen, ausserordentlich guten, aristokratischen Hund: Meine Majestät, König Tarik.

Nun braucht auch ein aristokratischer Hund, selbst wenn er ein Alton-Terrier und König ist, eine Ausbildung, natürlich nicht egoistischerweise nur für sich, sondern auch für seinen ihm anvertrauten Menschen. Und, ganz selbstverständlich, auch Untertanen braucht so ein König.
Also ging ich mit Mammi in eine schöne Hundeschule, in einem Wald direkt beim Strand, damit ich mehr über Menschen lernen konnte, und insbesondere, damit Mammi im Umgang mit aristokratischen Hunden angemessen ausgebildet wurde.
Mammi war auch sehr gelehrig, sie lernte, dass ich ständig mit grossen und kleinen Leckereien zu versorgen war, egal, was ich gerade tat. Man kann ja allen möglichen Fug und Unfug so hindrehen, dass es wenigstens eine belohnenswerte Seite gibt, und sei es auch nur die, dass man mit dem Unfug aufhört!
Diese sogenannte Hundeschule war eigentlich auch in sozialer Hinsicht ein interessantes Erlebnis, weil ich da die zum Teil beklagenswerten Verhaltensweisen von anderen Hunden und deren Menschen kennen lernte. Man kann ja auch aus den Fehlern und Unzulänglichkeiten Anderer etwas lernen, und sei es nur, dass man sieht und erlebt, wie traurig und ablehnungswürdig manche Gepflogenheiten sind.
Aber hier wurden auch Mammis Bande an mich mehr und mehr gefestigt, besonders, weil sie andere Hunde kennenlernte, und so meinen hochfliegenden geistigen Horizont erst so richtig einzuschätzen wusste.

Als Beispiel mag eine kleine Episode dienen, die sich in selbiger Schule abspielte:
Mammi ging es an jenem Tag gar nicht gut, alle paar Augenblicke verschwand sie in dem kleinen weissen Zimmer, wo man mit Wasser plätschern kann und wo es so schöne Papier-Rollen gibt, ich habe mal eine erwischt, das ist ganz toll, wenn sie richtig rollt (und man kann dafür sorgen, dass sie richtig rollt...!) dann hinterlässt sie eine sehr lange Spur aus weichem, weissem Papier, das man wunderbar in ganz kleine Fetzchen zerreissen kann...
Ehem! Wo war ich ... ach, ja! Also, an jenem Tag verschwand Mammi wieder einmal, um mit Wasser und den Papier-Rollen zu spielen, nahm mich aber nicht mit zum Spielen, und das fand ich gar nicht gut!
Während sie sich dort verlustierte, ordnete der sogenannte "Lehrer" etwas an; so ein Lehrer ist eine Art Mensch, der den anderen Menschen sagt, was sie tun sollen, denn die Armen wissen ja wirklich rein gar nichts! In diesem Fall, sagte er, die Hunde sollten sich "ablegen" (auch so ein Ausdruck, Hunde sind doch keine Akten...?), während die Menschen sich ein klitzekleines Bisschen weiter weg, am Strand, zu einem kleinen Menschenrudel zusammenrotten sollten. Und die Hunde sollten da ruhig zuschauen. Was soll man dazu sagen? Gääääähn!

Nach einer wirklich sehr kurzen Weile bekamen die zusammengerotteten Menschen offenbar Angst, weil sie ihre Hunde zu Hilfe riefen, alle miteinander. Mich betraf das ja nicht, weil Mammi wohlbehütet mit ihren Papier-Rollen am Spielen war, und ich also keinen Anlass hatte, meine bequeme Position zu verlassen, auch nicht, als so eine Mit-Menschin versuchte, mich mit piepsenden Tönen dazu zu bewegen, es den anderen Hunden gleich zu tun, die fröhliche Spielchen am und im Wasser veranstalteten, ihre verängstlichten Menschen schnöde im Stich lassend.
Solche Menschinnen, wie eigentlich alle Menschen, sind ja manchmal so ... na ja, sagen wir mal "unwissend"...

Doch Mammi hatte das Gerufe und Gepiepse wohl gehört, jedenfalls liess sie ihre Papier-Rollen-Spielerei sein und stürzte aus dem kleinen weissen Zimmer heraus, und suchte bangen Herzens und wirren Blickes ... na? Was oder wen suchte sie wohl? Ganz genau! Sie suchte MICH! Mich, der ich hoheitsvoll an genau dem gleichen Platz lag, an dem sie mich schmählich verlassen hatte, um ihrem Papier-Rollen-Spieltrieb nachzugehen. Doch, gnädig wie ich nun einmal bin, ich verzieh ihr, und tat dies durch ein kurzes, zweimaliges Wedeln meines königlichen Schwanzes kund. Und Mammi war derart froh, dass ich immer noch an diesem Platz ausharrte, dass sie wieder unter meiner Obhut sein durfte, und dass ich anscheinend Willens war, ihr ihren Spieltrieb samt Abwesenheit zu verzeihen, dass sie vor mir (ich schäme mich fast, es zu sagen) auf die Knie fiel und mich mit Liebkosungen und Leckerlies geradezu überschüttete.

Nun hatte Mammi so eine sonderbare Vorliebe für gewisse Dinge, die sie fast ständig mit sich herumtrug, und die offenbar belebt waren, weil sie piepsten, zwitscherten und knarrten.
In meinem wissenschaftlichen Drang, den Dingen auf den Grund zu kommen, untersuchte ich eingehend so ein "Handy" genanntes Ding, aber es schmeckte überhaupt nach gar nichts, und es hat während der ganzen Untersuchung auch gar keinen Laut von sich gegeben. Aber irgendwie schien Mammi an dem Ding zu hängen, denn, als die Folgen meiner Untersuchung sah, wurde sie sehr laut, obwohl ich doch alles andere als schwerhörig bin.

Dennoch, aus dieser und anderen ähnlich verlaufenen Untersuchungs-Aktionen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Mammi damit ihre offensichtlich eingeschränkten oder fehlerhaften Kommunikations-Fähigkeiten zu kompensieren sucht. Nun ja, man muss einfach verstehen und reisszähneknirschend hinnehmen, dass nicht alle über die Alton-Gabe verfügen. Danach habe ich solche Dinge weitgehend verschont, einfach aus elementarer Rücksicht; man springt oder schlägt einem Brillenträger ja auch nicht ins Gesicht!-
Leonie
 
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Tarik´s Jugendjahre (Kapitel 3)

Beitragvon Leonie » Mi 3. Sep 2008, 17:12

Ja, ja, die Zeit unbekümmerter Jugend! Meine Würde als König belastete mich damals nur wenig, ich genoss einfach mein werdendes Reich und meine mir immer mehr bewusste Macht, die ich hier und da möglicherweise auch ein wenig missbraucht haben mag. Jugendsünden nennt man das wohl.

Aber meine brillanten Gedanken, meine alles überragende Intelligenz, und bestimmt auch meine sich stetig entwickelnde telepathische Alton-Gabe, die sind schon auf den ersten Hof-Portraits zu erkennen, wie auf dem im damaligem Residenz-Garten zu Estepona gemachten, wo ich als Jugendsünder mit einem mutmasslich von Mammi rein versehentlich annektierten Pantoffel zu sehen bin. Siehe mein Portrait (Abbildung Nr. 1 in "Tarik´s Memoiren, Abbildungen" in der Foto-Ecke).

Meine bereits (aber nie oft genug) erwähnte überragende Intelligenz wird schon allein durch die Tatsache bewiesen, dass ich niemals versuchte, auszubüchsen, bis auf das therapeutisch notwendige erste Mal, damals in der Klinik. Nicht, dass die Grenzzäune der Residenz zu Estepona dies hätten verhindern können, es gab da mehr als genug Löcher drin, aber ich benutzte sie am Anfang nur, um der sich entfernenden Mammi nachzulaufen, um sie daran zu erinnern, dass ihr Platz zuhause war, oder dass sie die Residenz nur in meiner Begleitung zu verlassen habe; oder wenn sie sich unbedingt darauf verlassen wollte, dass während ihrer Abwesenheit die Residenz nicht etwa abhanden käme, und daher ich als Wächter da bleiben musste, dann sollte sie aber sehr vorsichtig fahren, vor dem Abbiegen immer blinken, sich gut anschnallen, und stets rechtzeitig bremsen, dabei aber aufpassen, dass der Träumer hinter ihr die Bremserei auch mitkriegt. Aber sie versicherte mir, dass ihre Abwesenheit so notwendig wie kurz wäre, dass sie ganz bestimmt aufpassen würde, und dass ich so lange auf die Residenz samt "Pappi" (später mehr darüber) aufpassen sollte.

Das habe ich nicht ganz verstanden, weil DER kaum durch so ein Zaunloch durchgekommen wäre, aber lassen wir das sein, wie es sei. Ich passte auf, und Mammi kam stets unversehrt zurück, sicherlich nur, weil sie meine guten Ratschläge befolgte. Ich sorgte denn auch dafür, dass sie gerne und freudig zurück kam, indem ich sie immer überschwänglich begrüsste, so, als ob sie mindestens eine Woche weg gewesen wäre.


Heute kann ich es zugeben, es ist ja alles unter meiner eigenen königlichen Amnestie verjährt, nämlich, dass ich die Grenz-Zaun-Löcher keineswegs missachtete, sondern für ausgedehnte Forschungs-Expeditionen nutzte. Ich musste ja möglichst viel über diese Welt erfahren.

Aber der Nutzen dieser Expeditionen war mager, ich fand nirgends einen intelligenteren Hund, als mich selbst, und nirgends war ein Hunde-Reich so gut organisiert, wie meines, trotz aller Fehler, die es damals und aus heutiger Sicht noch hatte.

Nichtdestoweniger, diese mageren, oder auch inexistenten Erkenntnisse aus meinen Expeditionen hatten dennoch einen hohen Wert: sie zeigten, wie richtig, wenn nicht sogar richtungsweisend und bahnbrechend meine Gedanken und Bemühungen in Sachen Reichsaufbau und sozialer Struktur waren. Ja, ich war schon damals auf dem richtigen Weg, wenn er sich auch als lang erweisen würde!

Aber die Residenz zu Estepona war eng begrenzt. So konnte Mammi zuhause nicht genügend Bewegung haben, und daher musste ich sie zu ausgedehnten Spaziergängen in die externen Regionen ermuntern. Um ihr damals noch nicht besonders gefestigtes Selbstvertrauen zu stärken, führte ich sie in immer neue Gefilde, und lehrte sie, sich auf mich und meinen mächtigen Spürsinn zu verlassen, mich nie aus den Augen zu verlieren, und mir brav zu folgen, sowie bei drohenden Gefahren (wirklichen oder nur geglaubten) unverzüglich meine Nähe und meinen Schutz zu suchen. Ich beschützte sie ja auch vor allem Bösen (ich kannte die Gegend schon sehr gut, und ging mit ihr gar nicht in gefährliche Regionen), und führte sie immer unbeschädigt nach Hause zurück.

Um Missverständnisse mit Pantoffeln, Socken und ähnlichen Dingen vorzubeugen, stellte Mammi mir diverse instruktive und bildende Dinge zur uneingeschränkten Verfügung, die sie aus für mich unerfindlichen Gründen "Spielsachen" nannte. Da waren Kaustricke, die die Geduld auf Probe stellten, weil man da durchbeissen konnte, bis die Reisszähne sich trafen, aber ein nachhaliger Erfolg war nicht zu verzeichnen; ausser, natürlich, wenn Mammi ihn mit Leckerlies präpariert hatte, indem sie diese zwischen die Kardeele hineinpuhlte, dann machte es einen riesigen Spass, sie da wieder herauszukriegen. Oder Morgenstern-ähnliche Dinger (entfernt runde Gummi-Gebilde mit Strick), die einem beim kräftigen Schütteln mitunter einen kräftigen Schlag hinter die Ohren gaben. Zwar tat dieser Schlag nicht wirklich weh, aber er war natürlich ein Grund, das Ding (die Menschen nennen es, so habe ich gehört, "Kong") nur noch kräftiger zu schütteln. So ein Kong war auch geeignet, um von Mammi weggeworfen zu werden, und seine unberechenbare Flugbahn oder gar Aufprall-Charakteristik trugen viel dazu bei, meine Wendigkeit, Bodenhaftung und Kurvengängigkeit zu vervollkommnen. Oder Bälle, für die mir jedoch eine gegnerische Hundschaft fehlte, gegen die ich hätte spielen können, ähnlich wie die Menschen es auch tun. Mammis Bemühungen, gegen mich Ball zu spielen, waren wirklich rührend, aber sie war mir total unterlegen. Weswegen ich die Spiele auch vorzeitig abzubrechen pflegte, ohne die für sie schmachvolle Wertung jemals zu erwähnen.

Es war klar: Alle diese "Spielsachen" waren mein ausschliesslicher Besitz, und dafür konnte man ruhig mal einen Pantoffel Pantoffel sein lassen. Und ganz.

Schon in jenen frühen Jahren erkannte ich, dass ein Aristokrat nicht bettelt. Er tut es einfach nicht, das ist abgrundtief unter seiner Würde. Etwas ganz anders ist, wenn man für seine Arbeit, für seinen Dienst an Volk und Nation irgendwie belohnt wird. Zum Beispiel mit Leckerlies.
Oder gar auf den Expeditionen ins nahe Ausland mit irgendwelchen fremden Hunden oder Menschen fraternisieren? Undenkbar! Natürlich ist man höflich, tauscht ein paar unverbindliche Artigkeitsfloskeln aus. Aber man muss doch immer würdig bleiben, und nicht unangebrachte Annäherungen jeglicher Art auch nur andeutungsweise hinnehmen!
Es schmerzt mich fast, es zu sagen: Ich habe tatsächlich Hunde gesehen, die nahmen von fremden Menschen Leckerlies an! Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Hund jemals ein derartiges Fehlverhalten zeigen könnte.
Nun ja, man ist halt doch etwas irgendwie Besonderes.-
Leonie
 
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