Verhalten

Verhalten wird durch seine Konsequenz bestimmt.

Sie ist der Handlungsantrieb, Motivation, für das Verhalten Deines Hundes. Natürlich gibt es eine Vielzahl möglicher Handlungsantriebe, positiver wie negativer Art. Ebenso ist Verhalten natürlich auch im Wesen, im genetischen Ursprung verankert, auch Prägung, Sozialisierung, Rassezugehörigkeit und Lebenserfahrung spielen eine Rolle. Dies dürfen wir nicht außer acht lassen, wenn daran machen, Verhalten zu formen und zu ändern. Nicht alles ist erreichbar, auch wenn wir uns noch so sehr bemühen. Es gibt Grenzen, die wir akzeptieren müssen.

Warum tut Dein Hund das, was er tut?


Spiel mit einem anderen Hund, vor allem junge Hunde sind gerne bereit dazu.

Entscheidend dafür ist die Motivation des Hundes, sie ist die innere Bereitschaft ein Verhalten zu zeigen, zu wiederholen oder einzustellen. Aussicht auf Belohnung, gleich welcher Art, erhöht die Handlungsbereitschaft Deines Hundes, ein Verhalten zu wiederholen. Erinnert er sich dagegen an eine unangenehme Folge, die dieses Verhalten schon mal für ihn hatte, wird seine Motivation stark eingeschränkt sein, vielleicht sogar so stark, dass eine andere Motivation, nämlich die, dieser Situation durch Flucht zu entkommen stark zunimmt.
Wichtig ist die Erfahrung Deines Hundes. Nur wenn er die möglichen Konsequenzen kennt, kann daraus eine Motivation entstehen. Positive Konsequenzen erhöhen die Motivation und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Dein Hund ein bestimmtes Verhalten gerne zeigt und wiederholt, diese Konsequenzen bezeichnet man als Bestärkung.
Negative Konsequenzen hemmen die Motivation und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Dein Hund ein Verhalten zeigt, man spricht von “Bestrafung”.

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Zwei Arten der Bestärkung

Wir wollen die Bestärkung nochmals in zwei Varianten unterscheiden. Dies wird in der Praxis sinnvoll, denn nicht immer wirst Du deinen Hund alleine durch verabreichen von etwas Gutem bestärken können. Zum Beispiel dann nicht, wenn er sich gerade in einer für ihn unangenehmen Situation befindet und der Wunsch, aus dieser Situation heraus zu finden, größer ist, als alle Annehmlichkeiten dieser Welt. Mit einem Leckerchen hättest Du in diesem Fall am Bedürfnis deines Hundes vorbei bestärkt.

Wir unterscheiden in:

Positive Bestärkung und negativer Bestärkung

“Positiv” oder “negativ” meint nicht etwa, welche Stimmung das im Hund oder in Dir erzeugt, sondern ist so zu verstehen, dass “positiv” bedeutet, der Situation wird etwas hinzugefügt. Stell’s Dir einfach wie eine Rechenaufgabe vor, bei “plus” kommt was hinzu, bei “minus” wird was abgezogen.


Spiel mit dem Quietscheigel, eine positive Bestärkung für Ajax

Dementsprechend wird bei positiver Bestärkung etwas hinzugefügt, wodurch sich Dein Hund bestärkt fühlt. Etwas für ihn angenehmes also. Das kann ein Leckerchen sein, die Freigabe zum Spiel, die Möglichkeit mit einem anderen Hund Kontakt aufnehmen zu können (sofern Dein Hund dies gerne tut), die Aussicht auf eine schöne Jagd, Streicheln, Lob und vieles mehr. Bedenke immer, dass nur das Deinen Hund bestärkt, was aufgrund seines Wesens, seiner Erfahrung und seiner Persönlichkeit von ihm als angenehm empfunden wird.


Eine negative Bestärkung: Wird das Holz in den Fang genommen, lässt der Schmerz nach

So ist es auch bei der negativen Bestärkung. Nur dass jetzt der Situation etwas “weggenommen” wird. Ein Hund kann nur negativ bestärkt werden, wenn er sich gegenwärtig in einer, für ihn unangenehmen Situation befindet. Oft ist dann der Wunsch nach Sicherheit, die Motivation für ein bestimmtes Verhalten. Ein Hund der nicht sehr gerne Aufzug fährt, wird durch die Möglichkeit, diesen Verlassen zu können, bestärkt. In diesem Falle negativ.

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Analog zur Bestärkung betrachten wir auch zwei Arten von Strafe:

Positive Strafe und negative Strafe


Ein Ruck am Stachelhalsband ist eine positive Strafe. Es wird Schmerz hinzu gefügt.

Bei der positiven Strafe wird der Situation etwas hinzugefügt, was Dein Hund als unangenehm empfindet. Viele gebräuchlichen Hilfsmittel der Hundeerziehung und –ausbildung zielen darauf ab. Ein Stachelhalsband, eine Wurfkette, eine Wasserspritze oder ein Leinenruck, das sind positive Strafen.


Entzug der menschlichen Nähe kann eine negative Bestrafung sein.

Bei der negativen Strafe schließlich wird der Situation etwas entzogen, was Dein Hund als angenehm empfindet. Welpen z.b. lernen sehr schnell, ihren Besitzer nicht aus den Augen zu verlieren, wenn sich dieser bei Unachtsamkeit schnell entfernt. Das Angenehme Gefühl der Gemeinsamkeit geht urplötzlich verloren und der Hund tut (in den meisten Fällen) sehr viel dafür, um diesen Angenehmen Zustand wieder herstellen zu können.

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Die soziale Komponente – Die Art der Konsequenz wirkt sich auf die Bindung aus.


Die Aussicht auf positive Dinge erhöht die Bereitschaft, mit Dir zusammen zu arbeiten.

Da die meisten Konsequenzen von Dir als Halter und Sozialpartner Deines Hundes ausgehen und Dein Hund dich sehr schnell als Urheber von Gut oder Böse entlarven wird, entscheiden all diese obengenannten Konsequenzen nicht nur darüber, ob ein Verhalten wiederholt oder eingestellt wird, sondern auch ob Du für Deinen Hund und sein Leben einen eher angenehmen oder eher unangenehmen Einfluss hast.
Die positive Bestärkung sowie die negative Strafe wirken sich gut auf Eure Beziehung aus. Denn sie macht dich zum Ursprung alles angenehmen. Bist Du da, ist die Wahrscheinlichkeit auf angenehme Dinge sehr groß. Bist Du fort, oder entziehst Du dich bewusst (um z.B. negative Strafe anzuwenden) kann Dein Hund durch eine Änderung seines Verhaltens den ursprünglichen, angenehmen Zustand wieder herstellen.

Anders bei der positiven Bestrafung oder negativen Bestärkung. Hier bist Du gegenwärtig und offensichtlicher Auslöser unangenehmer Dinge. Dein Hund wird nicht nur lernen, sein Verhalten zu ändern, sondern auch Dich zunehmend als Unsicherheitsfaktor einzustufen.

Wenn Du klug bist, wirst Du also darauf achten, überwiegend im Bereich positiver Bestärkung und negativer Bestrafung zu arbeiten. Das ist ein gutes Arbeitsklima, sowohl für Dich, wie auch für Deinen Hund.

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Was macht eine Konsequenz zum lernentscheidenden Faktor?

Nicht jede Konsequenz wirkt sich auch im Sinne einer dauerhaften Verhaltensänderung aus. Es sind bestimmte Eigenschaften notwendig, damit eine Konsequenz zu einem Lernerfolg führen kann.

Die Strafe oder Bestärkung muß der Motivation des Hundes entsprechen

Diese Konsequenzen sind nur dann wirksam, wenn Dein Hund sie auch als bestärkend oder bestrafend empfindet. Ein Hund, der sich nichts aus Leckerchen macht, kann mit Futter nicht bestärkt werden. Ein sehr selbstständiger Hund, für den die menschliche Gegenwart relativ unbedeutend ist, wird sich durch Entzug dieser Gegenwart kaum zu einer Änderung seines Verhaltens veranlasst sehen.

Präzises Timing

Eine Konsequenz kann nur dann von Deinem Hund mit seinem Verhalten in Zusammenhang gebracht werden, wenn sie UNMITTELBAR auf dieses folgt. Das unterscheidet ihn sehr von uns Menschen, denn wir können ja weitaus länger zwischen Verhalten und Konsequenz einen Zusammenhang erkennen. Präzises Timing bedeutet, dass zwischen Verhalten und Konsequenz nur ein sehr kleiner Zeitraum liegt.
In zahlreichen Experimenten wurde ein Wert von etwa 0,5 Sekunden ermittelt. Zeiträume von mehr als 2 Sekunden sind kaum noch relevant für einen Lernerfolg. Gerade in der Praxis werden hier häufig Fehler gemacht. Hunde werden “bestraft” für ein Verhalten, dass schon deutlich länger zurück liegt. Sie können aus dieser Strafe jedoch kaum etwas lernen.

Aber auch Bestärkung, die zu spät erfolgt, führt zu keinem Lernerfolg mehr. Zwar ist das beliebte “Auflockern” auf Hundeplätzen zwischen den Übungen eine willkommene Abwechslung, hat aber keinen Einfluss mehr darauf, wie die vorangegangenen Übungen gelernt werden. Denn das Verhalten, dass eigentlich bestärkt werden sollte, ist längst Vergangenheit.

Zahlreiche Wiederholung

Nur durch zahlreiche Wiederholungen einer Konsequenz kann Lernen stattfinden. Ich will dich jetzt nicht mit Zahlen aus verhaltensbiologischen Experimenten langweilen. Aber um einem Tier ein erwünschtes Verhalten beizubringen sind sehr viele Wiederholungen verbunden mit einer angenehmen Konsequenz notwendig. Allerdings können diese positiven Konsequenzen nach und nach reduziert werden, über variable Bestärkung bis hin zur gelegentlichen Bestärkung nach dem Zufallsprinzip.

Strafe hingegen bedarf weniger Wiederholungen. Das macht auch Sinn, denn jedes Lebewesen ist darauf bedacht, möglichst unversehrt und gesund zu bleiben. Demnach könnte jede unangenehme Erfahrung auch eine potentielle Existenzgefahr bedeuten. Kein Tier ist so dumm, das in einer Vielzahl unnötiger Wiederholungen zu überprüfen. Damit Strafe lernwirksam wird, muß sie allerdings jedesmal erfolgen. Gelegentliche Bestrafung ist, anders als die Bestärkung, relativ unwirksam. Für gelegentliche Bestärkung nimmt dein Hund auch unangenehme Konsequenzen in Kauf.

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Welche Konsequenzen haben keinen Einfluss auf den Lernerfolg?

In der Folge des oben genannten eigentlich logisch:

Konsequenzen, die zu spät (> 0,5-2 Sek.!) auf das Verhalten folgen, haben ebenfalls kaum Einfluß auf den Lernerfolg.

Ebenso haben alle positiven Konsequenzen keinen Einfluss, die nicht oft genug wiederholt werden.

Sowie alle negativen Konsequenzen, die nicht jedes Mal auf das unerwünschte Verhalten folgen.

Schließlich haben alle Konsequenzen keinen Einfluss auf den Lernerfolg, die von Deinem Hund nicht eindeutig als bestärkend oder bestrafend empfunden werden! Leckerchen z.B. werden zwar oft und gerne genommen, aber in Wirklichkeit wird Dein Hund durch etwas ganz anderes bestärkt. Hier spielt auch die Individualität deines Hundes eine große Rolle, jeder hat andere Vorlieben, was bei Menschen gilt, gilt auch bei Hunden. Diese gilt es zu entdecken.

Was bei positiven Konsequenzen ohne Lernerfolg noch vertretbar wäre (der Hund lernt zwar nichts, freut sich aber trotzdem über unsinnige Belohnung) führt in der Praxis aber doch zu Problemen, denn es wird natürlich nicht nur ein erwünschtes Verhalten NICHT bestärkt, sonder oft genug ein anderes, gar nicht so erwünschtes Bestärkt.


Leinezerren wird bombenfest im Hundehirn verankert, wenn es ab und zu bestärkt und ab und zu bestraft wird.

Bei negativen Konsequenzen endet die lernunwirksame Bestrafung oft in einer Gewaltspirale an deren Ende die Misshandlung steht. Der Hund wird zunächst vielleicht nur “sanft” gestraft. Lernt er nicht, wird in der Folge der Strafreiz erhöht (ohne natürlich dadurch wirksamer zu werden. Beispielsweise, weil das Timing nicht stimmt), schrittweise wird die Intensität erhöht, bis man schließlich an einem Level angekommen ist, wo beide deutlich leiden, aber dennoch nichts lernen können und an ihrem Verhalten eisern festhalten.
Dieser Effekt tritt auch bei Strafen ein, die zwar bezüglich Timing und Wiederholung richtig wären, aber aufgrund zu geringer Intensität vom Hund zunächst nicht als Strafe empfunden werden. Aus dem leichten Leinenzupfer wird ein etwas stärkerer Ruck an den sich der Hund im Laufe zunehmender Intensität gewöhnt.

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Widersprüchliche Konsequenzen

Spielen in der Praxis eine große Rolle, angenehmes und unangenehmes mischt sich zu einem verwirrenden Brei an Eindrücken aus dem sich Dein Hund heute mal dies, und morgen vielleicht das als bestärkend oder hemmend raussucht. Erfahrene Trainer versuchen deshalb, in der Anfangsphase des Trainings störende Einflüsse weitgehend auszuschalten und diese erst allmählich und kontrolliert in das Training mit einfließen zu lassen. Ich selbst hab mit meinem halbjährigen Ajax verzweifelt versucht, in einer Junghundegruppe etwas zu lernen. Im nachhinein betrachtet ein völlig sinnloses Unterfangen, denn alleine die Anwesenheit so vieler potentiellen Spielgefährten, war eine sehr viel wirksamere und vor allem ständig verfügbare Bestärkung, als meine mitgeführten Leckerchen je hätten sein können.

Der Faktor Sicherheit


[DimGray]Ein entspanntes Arbeitsklima macht Lust, neue Dinge zu erforschen[/DimGray]

Spielt eine Rolle, die wir oft unterschätzen. Sicherheit ist für Hunde enorm wichtig, obwohl sie von Ihrer Natur her im Gegensatz zu typischen Fluchttieren wie zum Beispiel Pferden, zunächst oft sehr aufgeschlossenes, neugieriges Verhalten an den Tag legen, wird dieser “Forscherdrang” doch sehr schnell wieder vom Wunsch nach gesicherten Verhältnissen, nach einem intakten Rudel, nach Schutz und Geborgenheit, einem verfügbaren Futter- und Wassernapf, abgelöst. Das muss man beim Training bedenken, denn Training gleich welcher Form nimmt zunächst mal etwas von dieser Sicherheit. Das gilt natürlich vor allem im Bereich der positiven und negativen Bestrafung. Ist das Training vorüber, musst Du diese Sicherheit wieder herstellen. Also ganz gleich, ob Dein Hund beim Training erfolgreich war oder nicht, der Wunsch nach Sicherheit ist ein Grundrecht für Deinen Hund, daß Du ihm nicht vorenthalten darfst. Nur ein entspannter Geist ist auch aufnahmefähig für neue Dinge und Unsicherheit kann zur Folter werden, wenn man ihr nicht mehr entkommen kann.

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Zum Abschluß eine kleine Denkaufgabe

Vielleicht fragst Du dich, was Du mit dem Wissen um “Handlungsantriebe”, “positive Bestärkung”, “negative Betrafung”, usw. nun anfangen kannst? Es macht Dich flexibler, wenn es darum geht, Deinen Hund für erwünschtest Verhalten zu belohnen und ihm unerwünschtes Verhalten abgewöhnen zu können, Du hast mehr Mittel an der Hand.
Eine kleine Denkaufgaben soll Dir helfen, dieses (zugegeben recht trockene) Thema besser zu verstehen und in dein Training mit einbauen zu können.

Beobachte Deinen Hund und nimm ein x-beliebiges Verhalten. Versuche Dir selbst folgende Fragen zu beantworten:

- Was ist die augenblickliche Motivation für dieses Verhalten?

Wie könntest Du dieses Verhalten bestärken?
- durch positive Bestärkung?
- durch negative Bestärkung?

Wie könntest Du dieses Verhalten hemmen?
- durch positive Bestrafung?
- durch negative Bestrafung?

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